Joachim Werneburg
Joachim Werneburg

99425 Weimar

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joachim-werneburg.de
11. Klasse, 12. Klasse

Biografisches

Joachim Werneburg wurde 1953 in Erfurt geboren. Studium an der TH Ilmenau, erste Lesungen in den Studentenklubs. 1977-1990 "Doppelleben" als Dichter und Ingenieur, Gedichte des Bandes„Thüringer Meer“ entstehen -1988/1989 Übertragungen aus dem Chinesischen. 1993 Abschluss als PR-Berater, Reise in die Provence und Praktikum bei der Stiftung Lesen in Mainz. Seit den 90er Jahren Reisen in zahlreiche Länder, die zu Gedichten anregen. Im Jahr 2003 Übergabe der Texte an das „Zentrale Archiv unterdrückter Literatur in der DDR“

Bibliographie

Gedichtbände

"Die Klage der Gorgonen", Scidinge Hall, Zürich 2015

"Die Wiederkehr des Delphins", Scidinge Hall, Zürich 2013

"Thüringer Meer", Scidinge Hall, Zürich 2012

"Die Rabenfibel", mit Walter Werneburg, Scidinge Hall, Zürich 2010

"Die Schlangenfüßige Göttin", Engelsdorfer Verlag, Leipzig 2009

 

Nachdichtungen

Die Reise nach Südost. Gedichte nach Pe-lo-thien, Scidinge Hall, Tübingen 2017

 

Prosa

"Wort und geschwungene Linie", Aufzeichnungen über die künstlerische Zusammenarbeit mit Walter Werneburg, Scidinge Hall, Zürich 2010

"Notizen auf der Felswand", aus den Jahren 1990 bis 1995, Scidinge Hall, Zürich 2016

"Das Kupferbergwerk", Fragmente von 1977 bis 1989, Scidinge Hall, Zürich 2011

Themenangebot

„Thüringer Meer“, Lesung aus dem Buch: Exkursionen in die vorgeschichtliche und mittelalterliche Zeit unserer Region. Das Alte Thüringen im schöpferischen Konflikt zwischen slawischen Einwanderungen (Wenden) und westlichen Eroberungen (Merowinger).

„Etruskisches Tarot“, Lesung des Gedichtzyklus und Diskussion: Was hat die Frühgeschichte Italiens (die alten Etrusker) mit Tarot-Karten zu tun, mit denen heute noch gespielt wird?

Vermittelbare Antike: Dichtungen, die die Geographie der Ägäisküste und griechischer Inseln ins Bild bringen, ebenso Mittel- und Süditalien. Zu Sizilien auch der Essay „Die Insel der Medusa“.

Die Welt Chinas – Leben und Werk des Dichters Pe-lo-thien (Bai Juyi, 772-846), Lesung aus dem Nachdichtungsband „Die Reise nach Südost“. Einblick in die Lebensumstände des niederen Volkes. Auch Gedichte, die nach einem China-Besuch entstanden sind.

Die Welt Indiens – Lesung von Dichtungen, die sich auf Aufenthalte in Nord- und Südindien beziehen. Einführung in die hinduistische Weltanschauung, Berichte über das gegenwärtige Leben.

Muslimische Welt – Lesung von Dichtungen, die durch Reisen nach Marokko, Tunesien, Andalusien und der Türkei angeregt worden sind. Vor-Ort-Eindrücke werden durch Tagebuchaufzeichnungen und im Gespräch geschildert.

Umbruch 1989/1990 – Lesung aus dem „Kupferbergwerk“, das sich auf die Zeit vor der politischen Wende bezieht, und aus den „Notizen auf der Felswand“, die bis in das Jahr 1995 reichen.

Leseprobe

Zum Thema „Thüringer Meer“:

 

Birke

Von weitem sehe ich die Stämme,
Vielleicht der vielen Blätter wegen
Hängen ältere Zweige über.
Von solcher Rute wird mir über
Das Haupt gestrichen, ich erwache
Wie aus einem sehr tiefen Schlafe.

Die Eiszeit wich der weißen Borke.
Von Osten kamen her die Menschen
Und beendeten so das Schweigen.
Damit begannen auch die Sorgen.
Ich knüpfe sie nach altem Brauche
An die Zweige des hellen Baumes.

(aus dem Zyklus „Die Wanderung“)

 

Wendischer Tanz

Du mochtest des Tiers Geräusch
Besonders, wenn es begann zu schnattern,
Drum liebtest du deine Wenden.
Sie bauten ein Instrument,
Drei Seiten spannend auf trocknem Holze,
Den Hals, wie ihn Gänse haben.
Sie bildeten einen Kreis,
Drei Schritte springend nach linker Seite,
Ein langsamer nach der rechten.
Er drehte sie kräftig um,
Ihr feines Hemdchen? dreht' immer besser,
Sind mehrere in der Truhe.

(aus dem Zyklus „Slawische Tänze“

 


 

Zum Thema „Etruskisches Tarot“:

 

Eine etruskische Urne

Wer fand in einem doppelten Kegel sein Asyl?
Oben schützt ihn der Helm vor den Dämonen.
Er suchte nach der Wahrheit, die hell und dunkel ist.
Not des Lebens fand in dem Tod die Grenze.
Vergangenheit atlantisch, und jetzt am Mittelmeer,
In der Urne begegnen sich die Zeiten.
Die feurige Verwandlung, ein Männlein jung geglüht,
Aufgerichtet im Kreis der weißen Steine.
Ein Feuerrad, die Funken entfliehen, und sie sind
Eingeritzt in die Wand eines Gefäßes.
Was nach der Flamme kommt, ist vergessen, doch du weißt:
Bleiben wird, was in eine Urne eingeht.

(aus dem Zyklus „Etruskisches Tarot“)

 


 

Zum Thema „Vermittelbare Antike”

 

Die Kallithea-Thermen

Über den Heilquell der Griechen berichtete schon Hippokrates.
Pietro Lombardi erbaut für Italiener das Bad.
Engländer zeigen im Krimi noch einmal die Kuppeln der Thermen.
Ob antik, ob modern – beide sind längst sie zerstört.

 

Skulptur der Hekate

Sag, welcher Esel nur stellte die Göttin, mit brennender Fackel,
In ein Museum hinein, hell von elektrischem Licht?
Herrin der Unterwelt, immer von Hunden umgeben,
Wie ein gefürchteter Traum stehst du im Scheinwerferlicht.

 

In der Sokrates-Gasse

Antwort auf die Frage, was ist der Mensch, auf der Straße
Gibt sie der Philosoph. Gut ist allein, wer hier kauft!
Wer nach dem andren Händler sich etwa gerichtet, ist böse.
Was also ist der Mensch: Schafskäse, Muschel und Brot.

(aus dem Zyklus „Hier ist Rhodos“)

 


 

Zum Thema „Die Welt Chinas – Leben und Werk des Dichters Pe-lo-thien“

 

Man siedet Malven

Am Abend legt ich mich leeren Magens nieder,
Morgens stehe ich auf und habe Hunger.
Die arme Küche, was hat sie mir zu bieten?
Reis und herbstliche Malven kann ich finden.
Die roten duftigen Körner muß man sieden,
Gelbe Blüten, die glatten und die dicken.
Der Hunger kommt und verliert sich nach dem Essen,
Ich bin satt und ich kann jetzt wieder denken
An Jahre, da ich dem Blühenden zugegen,
Bis zum Tage, da müd ich mich entfernte.
Ich litt seither nicht an Frost, noch sollt ich hungern,
Überflüssiges hab ich nie besessen.
Im Mund verringerte nimmer sich die Speise,
Und am Leibe behielt ich meine Kleidung.
Ich leg die Hand an das Herz und frag mich selber,
Was bedeuten mir Aufblühn und Vergehen?
Ich lernte nie, das gewohnte Maß zu legen,
Feiner wäge ich zwischen Recht und Unrecht

 


 

Zum Thema “Die Welt Indiens”

Folge dem Weg durch das Holz, die blauen Häuser sind ferne,
Drin sie noch immer wohnt, Kaste der himmlischen Kraft.
Halten, im Gespräch, an einem versteckten Gewässer.
Eisvogel auf dem Zweig, Lotus inmitten des Sees.
Trüber Teich, darüber aber sich öffnet die Blüte,
Nicht befleckt von dem Sumpf, zeigt sich die Reine dem Licht.
Steigt auch der Brahmane, mit Schuhen, über den Kehricht,
Sauber bleibt sein Fuß, wie der Gedanke dem Gott.

(aus: „Indische Sprüche“)

 


 

Zum Thema “Muslimische Welt”

Blaues Portal zur Medina, der Himmel, ein Hufeisenbogen,
lockte Berittene an, drängen durch Gassen hindurch.
Grün seine andere Seite, und besser als jede Oase,
nehmen die Inschrift wir ernst, kommen wir ins Paradies.
Berber auf Dromedaren, die glitzernden Sandkornkristalle.
Sind auf dem Wüstenschiff – sicherer als auf dem Meer.
Netz der Spinne am Tor, der hohe Turban zerreißt es,
wenn sich der Faden löst, schwingt noch die Stadtmauer mit.

(Beginn der Dichtung „Maurisches Tor“)

 


 

Zum Thema “Umbruch 1989/1990”

 

Laokoon 1989

Heiner Müller sagte auf der großen Berliner Demonstration am 2. November 1989 seinen Zuhörern, daß der DDR Arbeitslosigkeit und Preiserhöhungen bevorstehen würden. Er ist damit dem Laokoon zu vergleichen, der seinem Troja den Untergang für den Fall prophezeite, daß es das hölzerne Pferd in die Burg einlassen würde. Eine Schlange erdrosselte ihn und seine Söhne.

Nun wurde Müller nicht erdrosselt, sondern nur ausgepfiffen. Die DDR ist freilich auch nicht Troja zu vergleichen und Herr Krenz ist kein Hektor. Seit dem Jahr 1945 sind die Mythen auf deutschem Boden nur noch halb so viel wert.

(aus: „Das Kupferbergwerk. Fragmente von 1977 bis 1989“)