Kultur macht vieles – zum Beispiel stark

Stark finden auch die Teilnehmer von Wendepunkt e.V. in Wolfersdorf, was der Autor Ronny Ritze mit ihnen vorhat. Eine Gruppe von zehn Teilnehmern schreibt seit dem 30.01. 2018. an eigenen Geschichten. Die 13 bis 17-jährigen klopfen dabei Themen ab, die sie selbst bewegen. Ronny Ritze zieht den Rahmen und zeigt ihnen, wie Kurzgeschichten und Biografien aufgebaut werden, wie man die Perspektive einhält und den Text so interessant macht, dass man ihn irgendwann sogar vor Publikum vorlesen kann. Er hat Erfahrung darin: Ronny, wie sie ihn nennen, kennen sie als den Autor, der bereits jugendliche Inhaftierte ins Schreiben gebracht hat. Ein Jahr lang arbeiten die Wolfersdorfer nun mit ihm – und werden dabei ihre eigenen Erfahrungen machen.

Bevor die erste Werkstatt startet, gab es bereits eine Auftakt-Lesung in der Bibliothek Neustadt Orla in der Bibliothek Neustadt Orla, bei der Ronny Ritze sich und seine Arbeit vorstellte. Vom ersten Eindruck bis zum Ende der ersten Werkstatt zieht sich der O-Ton:

„Sie sind richtig chillig, Herr Ritze!“ (Dawid, 15)

„Das wird eine gute Zusammenarbeit“ (Dennis, 14)

Die Jugendlichen können sich in verschiedenen Kunstformen ausdrücken. Ob ein Buch, ein Hörspiel oder ein Theaterstück entsteht, ist noch offen und wird sich während der gemeinsamen Arbeit ergeben. Mitte des Jahres werden die ­jugendlichen Teilnehmer erste Ergebnisse der gemeinsamen Arbeit präsentieren. Das Projekt wird gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Das Thüringer Konzept zu diesem Projekt kann man hier einsehen.

Projektdaten:

  • Titel/Thema: IDA
  • Bündnispartner 1: WENDEPUNKT e.V., Rosa-Luxemburg-Straße 13, 07607 Eisenberg, Jugendhilfezentrum Wolfersdorf
  • Bündnispartner 2: Stadtbibliothek Neustadt (Orla) Gerberstr. 2, 07806 Neustadt an der Orla
  • Bündnispartner 3: Friedrich-Bödecker-Kreis in Thüringen e. V., Magdeburger Allee 22, 99086 Erfurt
  • Autorenpate: Ronny Ritze geboren 1980 in Arnstadt, ist seit 2014 als Schreibtrainer und Herausgeber tätig und setzt sich für Randgruppenliteratur ein. So tritt er unter anderem als Trainer in Strafvollzugs- und Jugendhilfeeinrichtungen in Erscheinung. Ein 2015 in der Jugendstrafanstalt Arnstadt entstandenes Buch greift die Biografien inhaftierter Jugendlicher auf.
  • Zeitraum: 01.01.2018 - 31.12.2018
  • Format: Modul 1 (ganzjährig)
  • Ort: Trockenborn-Wolfersdorf
  • Bundesland: Thüringen

Projektverlauf

Schreibwerkstätten funktionieren fast überall. Nur überall anders. Von Januar bis Dezember 2018 nahmen Kinder des Kinder- und Jugendheims Wolfersdorf an einer vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Werkstatt teil. Das Resultat ist ein bunter Strauß heiterer Geschichten und Elfchen. Sie tauchen ein in eine Welt voller lieber Trolle, Einhörner und Magier, gebunden mit einer roten Schleife, denn die erste Liebe ist auch nicht weit. Die Jugendlichen tragen ihre Texte vor und haben sich durch das Schreiben befreit.

Na ja, so ähnlich.

Genau betrachtet, vermitteln die Teilnehmer, wie sie leben, was ihre Wünsch und Ängste sind. Dazu feilen sie an einer Dreiecksbeziehung: Ida liebt Pepe, Julia auch. Pepe ahnt noch gar nichts und brennt sich achtlos einen Joint auf einer Goa-Party an. Die Folgen scheinen zunächst verheerend, doch wirken auch klärend. Nebenbei werden Fragen beantwortet, wie: Was sind K.-o.-Tropfen, was ist Missbrauch?

Zunächst als Theaterstück konzipiert, stellen die Jugendlichen im Laufe des Jahres fest, dass eine Bühne nicht so ihr Ding ist. Aus dem Theaterstück wird ein Hörspiel-Skript. Alle finden es cool, die Aufnahmen laufen und am Ende wird daraus vielleicht sogar eine CD. Doch was immer auch passiert, im Hintergrund wird geknutscht und geraucht, geschrien und geweint, kommen Teilnehmer in die Kinder- und Jugendpsychiatrie, Erzieher an ihre Grenzen und ganz oft werden Herzen getröstet, Freundschaften geschlossen und die Einsamkeit zusammen ertragen. Es ist die Geschichte von Kindern, die erwachsen werden, auf sich gestellt in einem Heim. Von der Begegnung mit einem Autor und dem wiederkehrenden Versuch, die diffusen Gefühle in einen Text umzuwandeln. Es bluten Arme vom Ritzen und Herzen vom Hin-und-her-gerissen-sein zwischen Heimen, Pflegefamilien und Erziehungsberechtigten. Die Projektzusammenfassung ist unter dem Titel „IDA. Liebe gegen Lügen“ im Mitteldeutschen Verlag als Buch erschienen. Das Projekt ist eine Initiative des Bundesverbandes der Friedrich-Bödecker-Kreise e. V. im Rahmen von Kultur macht stark, gefördert vom BMBF.

Das Hörspiel befindet sich zum Veröffentlichungszeitpunkt des Buches mitten in der Produktion.

Weitere Informationen finden Sie unter: https://www.boedecker-buendnisse.de/woerterwelten/thueringen-ida/