16.02.2017 - Selim Özdogan


Datum Donnerstag 16.02.2017 - CHAMISSO-PREISTRÄGER
Autorin Selim Özdogan
Ort Eine Lesung für Schülerinnen und Schüler des Otto Schott Gymnasims in Jena.

O-Töne:




Der Theaterraum des Otto-Schott-Gymnasiums Jena ist mit den Deutsch-Leistungskursen der 12. Klasse gut gefüllt - ca. 60 SchülerInnen mit ihren Lehrerinnen. Nach einer kurzen Vorstellung seiner Person geht das Wort an Selim, der zunächst verkündet, doch nicht sein aktuelles Buch vorzustellen. Er findet es viel interessanter, Kurzgeschichten vorzulesen und nach jeder mit den ZuhörerInnen zu reden und ihre Fragen zu beantworten. Das Angebot wird dann auch, nachdem die SchülerInnen etwas aufgetaut sind, gerne genutzt – die erste Frage folgt noch vor der ersten Geschichte.

Selim liest Kurzgeschichten aus älteren Büchern. Kürzere, längere, witzige, überhaupt nicht witzige. Seine Ankündigung, keine Frage sei ihm zu privat, wird dadurch unterstrichen, wie er sich gegenüber dem Publikum in Stellung gebracht hat: Den Stuhl hinter dem Tisch benutzt er manchmal, um seine Jacke darauf abzulegen, er selbst sitzt lieber auf dem Tisch. Verstecken kann er sich da jedenfalls nicht. Und so reichen die Fragen oder kurzen Gespräche von seinem Alltag und seinem finanziellen Verdienst, über die Ideenfindung und das Schreiben an sich bis hin zu philosophischen Diskussionen darüber, was Wahrheit in der Literatur ist oder ob sich Geschriebenes immer aus den persönlichen Erfahrungen der Autorin/des Autors speist.

Mit seinem abwechslungsreichen Programm aus ganz verschiedenen Kurzgeschichten, Fragen vom Publikum und Fragen ans Publikum gelingt es Selim mühelos, die Aufmerksamkeit der SchülerInnen eineinhalb Stunden für sich zu gewinnen. Dabei hilft vielleicht auch seine ehrlich vermittelte Leidenschaftslosigkeit für das, was in der Schule im Rahmen des Literaturunterrichts verordnet wird – Effi Briest mögen die meisten SchülerInnen hier auch nicht. Vor allem aber hat diese Deutsch-Doppelstunde einmal überhaupt nichts Belehrendes. Ebenso wie sein Schreibstil auf den Anspruch verzichtet, aus einer überlegenen Warte eine Botschaft vermitteln zu können, genauso begegnet er den SchülerInnen tatsächlich auf Augenhöhe, nimmt jede Frage ernst und antwortet mit voller Authentizität.

Das scheint anzukommen, das Interesse lässt bis zuletzt nicht nach, im Gegenteil. Zum Schluss müssen einige Fragen sogar noch im persönlichen Gespräch und auf Kosten der folgenden Unterrichtsstunde ausgehandelt werden.