Katrin Marie Merten
Katrin Marie Merten

99089 Erfurt

(0151) 56360601
(0361) 79670163
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katrin-marie-merten.de
www.text-und-konzeptstudio.de
9. Klasse, 10. Klasse, 11. Klasse, 12. Klasse

Biografisches

Katrin Marie Merten, geboren am 05.05.1982 in Jena, aufgewachsen in Bad Berka und Erfurt. Bildungswissenschaftlerin (Master e-Education, Fernuniversität Hagen, 2016) und Sozialpädagogin (Diplom, HTWK Leipzig, 2007). Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig (2007 – 2008), Veröffentlichung von Prosa und Lyrik in zahlreichen deutschsprachigen Literaturzeitschriften und Anthologien. Berufliche Tätigkeit bei verschiedenen Trägern und Institutionen der Thüringer Sozialwirtschaft. (Nebenberuflich) freiberuflich als Autorin (www.katrin-marie-merten.de) und Layouterin.

Auszeichnungen

Literaturforum Hessen-Thüringen (2008)

Eobanus-Hessus-Wettbewerb (2007)

Internationaler Autorenwettbewerb RSGI (2006)

Eobanus-Hessus-Wettbewerb (2005)

Bibliographie

Veröffentlichungen in Anthologien, Zeitschriften und Zeitungen, dazu zählen: Jahrbuch der Lyrik, entwürfe, Junge Welt.

“Rückwärtslaufen”, Prosaband  in der Edition Muschelkalk (Wartburg Verlag) 2011

“Salinenland” in der LYRIK EDITION 2000, 2009

Themenangebot

Mein Angebot richtet sich an ältere Schülerinnen und Schüler (Klassenstufen 9 -12)

Leseprobe

Bis zur Brücke

Alle paar Stunden fiel ein Blatt des Bananenbaums auf den Boden, es gab ein leises Geräusch, ein beinahe nicht hörbares Rauschen, etwa sein Dringen durch Schichten von Luft, das leichte Schleifen auf den Dielen, bis es zum Liegen kam, sich jener Reglosigkeit dieses Raumes ergab, der sich Lena im selben Moment widersetzte. Sie schnellte auf, saß kerzengerade auf dem Sofa, die Füße auf dem Boden, die Lider weit aufgerissen. Plötzlich war sie da, wach, ganz anwesend. Als hätte Schlohmann darauf gewartet, begann sein Finger auf dem Rand des Glases zu kreisen, eine Reihe kurzer tiefer Töne – sein Lied.

Er hatte sie herbei gewünscht und sie war gekommen. Einen Rücken hat er sich vorgestellt, an dessen Wirbelkette seine Fingerkuppen hinauf und hinab streichen würden: Mit der Kuppe nur, ganz sacht, der fremden Haut gerade so nah, die feinen Härchen zu berühren, sie zu biegen.

Es war einer dieser Tage im November, in denen die Luft wie Brei auf dem Boden liegt und behäbig jede Bewegung zu verweigern versucht. In denen sich das Besondere ankündigt am Vorabend, wenn es nach Sommer riecht und die Brauerei ihren Gärgeruch verbreitet wie im Juli, nur viel kälter ist es gewesen. Seit Wochen hatten die Bäume ihre Blätter abgeworfen, Stück für Stück ihre Äste geleert, bis sie fleischlos standen – Skelette noch, stumme Figuren aus Holz.

Dünne graue Fäden zogen vom Ende seiner Zigarette auf, weiteten sich aus und zerfransten dicht unter der Decke. Schlohmann schaute ihnen nach, spürte ein Stechen hinter der Brust, ein Kratzen im Hals, den Reiz zu husten, den er weg schluckte mit dem restlichen Wein. Er hatte den Wecker aus dem Wohnzimmer geräumt, dessen Ticken die Stille ununterbrochen durchschnitt, das Rädchen am Radio in der Küche so weit nach links gedreht, dass er sein Ohr hätte direkt daran legen müssen, um etwas zu verstehen. Allein der Bananenbaum blieb, Schlohmann hatte nicht damit gerechnet, dass eine Pflanze dazu fähig ist, Geräusche zu erzeugen. [...]

AUSZUG 1aus dem Prosaband Rückwärtslaufen, edition Muschelkalk, 2012

 

 

Rückwärtslaufen

 

Die Reise nach Berlin ist eine Reise, die ich nicht gemacht habe. Ich hätte einen Freund mitnehmen können oder nach einem Ausschau halten während der Fahrt. Es ist angenehm, lange Wege in Gesellschaft zurück zu legen, sich voran zu plaudern, als wäre das Zurücklegen eines Weges nur eine Nebensache des Gesprächs, welches schließlich beinahe unerwartet durch die Ankunft beendet würde. Man hätte keine Sorge um diese Ankunft, um das Zurechtfinden an einem fremden Ort, um die ersten Worte, eine angemessene Geste. Man würde die Fahrt lang darüber reden, wo man herkommt, was man studiert hat und ja, vielleicht auch darüber, was man in Berlin vorhat, das aber nur kurz.

Darüber habe ich nachgedacht. Vor allen Dingen aber habe ich an Karl gedacht. Es ist unmöglich, an Berlin zu denken, ohne an Karl zu denken. Es ist unmöglich, an Karl zu denken, ohne an Berlin zu denken, diese Stadt mitzudenken: ihre Farben, ihre Menschen, ihr Rauschen. Vor allen Dingen dieses Rauschen, zu dem sich sämtliche Wahrnehmungen verdichten – ein Teppich, der sich über Augen und Ohren legt und alle Sinnesorgane auf mir ungewohnte Weise abdichtet. Diesem Rauschen ausgesetzt, bin ich schläfrig und gleichzeitig wach, hellwach, als befände sich jeder meiner Muskeln in Bereitschaft, sofort seinen Dienst zu tun, anzuspannen, die Glieder los zu jagen.

Darüber habe ich nachgedacht. Vor allen Dingen aber habe ich an Karl gedacht. Es ist unmöglich, an Berlin zu denken, ohne an Karl zu denken. Es ist unmöglich, an Karl zu denken, ohne an Berlin zu denken, diese Stadt mitzudenken: ihre Farben, ihre Menschen, ihr Rauschen. Vor allen Dingen dieses Rauschen, zu dem sich sämtliche Wahrnehmungen verdichten – ein Teppich, der sich über Augen und Ohren legt und alle Sinnesorgane auf mir ungewohnte Weise abdichtet. Diesem Rauschen ausgesetzt, bin ich schläfrig und gleichzeitig wach, hellwach, als befände sich jeder meiner Muskeln in Bereitschaft, sofort seinen Dienst zu tun, anzuspannen, die Glieder los zu jagen.

Befindet man sich in Berlin, so schaut man auf den Rest der Republik hinab: Berlin liegt auf einer Art gefühltem Podest, einer Bühne, von der aus man nach unten schauen muss, um die Orte zu finden, in denen man sich bislang bewegte, die von hier aus mit ihren paar hunderttausend Einwohnern wie Erbsen wirken: Eine Handvoll Erbsen mit Schwung auf eine unebene Fläche geschüttet, das ist unsere Republik. In Berlin wird Politik gemacht, die das Land bestimmt; hier wird der Ton angegeben, die Mode von morgen entworfen; hier geht was.

Ich gehe über eine Straße, gehe eine andere Straße entlang, ich gehe zwischen Häuserfronten hindurch: Eine Runde um den Block, einmal durchs Karree, durchs Kleinstadtkarree. Ich habe in Dresden gewohnt und in Leipzig, ich habe in Halle gewohnt und einmal sogar (das aber nur halb) in einem Dorf. Ich habe mich nie nach Berlin gesehnt. Dabei wollten immer alle nach Berlin: Zum Studium, zum Arbeiten, zur Demo oder mindestens zum Konzert. Für mich gibt es bis heute nur einen Grund nach Berlin zu fahren und das ist Karl.

Ich hätte keinen Freund mitnehmen müssen auf meine Reise nach Berlin, denn Karl wäre da gewesen. Karl ist in Berlin und dort hätte er gewartet auf mich – in seiner Wohnung, in seiner Eckkneipe oder an dem Bahnsteig, an dem mein Zug ankommt: Karl lehnt am Geländer, die Ellbogen darauf gestützt, ein Bein angestellt, eins auf dem Boden – das ist meine Vorstellung vom Ostbahnhof Berlin. Karl lehnt am Geländer, während mein Zug einfährt und zum Stehen kommt, die Türen öffnet und die Fahrgäste hinaus lässt. Ich steige aus, als täte ich nichts anderes, als aus dem Zug zu steigen am Ostbahnhof Berlin und Karl zu begegnen. Karl: Nicht viel größer als ich, nur eben breiter, auf dem Kopf eine schwarze Schiebermütze, die er abnimmt, als er vor mir steht: „Klara! Hallo.“ Die Vorstellung meiner Ankunft in Berlin ist so genau, so fest, als hätte mich Karl schon hundert Mal vom Ostbahnhof Berlin abgeholt. Dabei hat er das nicht, kein einziges Mal war ich mit Karl am Ostbahnhof Berlin. [...]

AUSZUG 2 aus dem Prosaband Rückwärtslaufen, edition Muschelkalk, 2012