Ursula Schütt
Ursula Schütt

98530 Dietzhausen

(036846) 18322
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10. Klasse, 11. Klasse, 12. Klasse

Biografisches

Geboren 1941 in Belrieth, Kreis Meiningen. Lehre als Industriekauffrau, Studium an der Pädagogischen Hochschule Erfurt. Lehrerin an verschiedenen Thüringer Schulen, Deutsch und Kunsterziehung. Seit 2002 freiberufliche Autorin, Leiterin der Suhler Literaturwerkstatt "Zeilensprung".

Auszeichnungen

Menantes-Preis (Preis der Jury) 2012 für erotische Literatur

2. Preis im Kurzgeschichtenwettbewerb des BEO-Verlages 2007

Bibliographie

Erzählungen in literarischen Zeitschriften und Anthologien, z.B. "Palmbaum", literarisches Journal aus Thüringen, "Kuschelüberraschungen", Bückeburg, 2007, "wehre dich nicht", Bucha, 2008,  "Stehaufmännchen", (illustriert von Nadin Wottke), Anthologie "Paula in der Aula", Hrsg. FBK für Thüringen e.V., dorise-Verlag 2010.

 

"Eine unheimliche Begegnung", Anthologie "Bis bald im Wald", KLAK Verlag Berlin 2015.

"Die dunklen Flecken des Mondes", Erzählungen, Weiße Reihe, quartus-Verlag Bucha bei Jena, 2013.

"Gehen muss ich auf dem Faden Zeit", Gedichte, dmz Gotha, 2011.

"Das große Fressen", gemeinsam mit Siegfried Schütt, grimmige Fabeln und fabelhafte Märchen, Edition Ornament im quartus Velag Bucha bei Jena, 2009.

"Wie sich der Himmel verwandelt", Erzählungen, Edition Muschelkalk im Wartburg Verlag Weimar, 2007.

 

Themenangebot

Schreibwerkstätten am Gymnasium ab 5. Klasse

Lesungen 5. - 13. Klasse an allen Schultypen, die Themen richten sich nach dem Alter der Schüler.

Es geht dabei immer um soziale Konflikte, wie innerfamiliären Missbrauch (mit Schülerdiskussion), um Freundschaft und Liebe (auch um Erotik), um Hilfsbereitschaft, um Ehrlichkeit und Vertrauen, um das Verhältnis von Jüngeren und Älteren, auch um Politik (Fabeln und Märchen).

Das Thema muss vorher von dem(r) begleitenden Lehrer(in) mit der Autorin abgesprochen werden.

Leseprobe

Auszug aus "Die dunklen Flecken des Mondes"

Bewusst sah ihn Jennifer zum ersten Mal während des Ostermarktes in der Passage des Einkaufscenters. Sie hätte Marko wahrscheinlich auch an diesem Tag übersehen, wie man eine Säule oder eine Bank oder etwas anderes übersieht, das immer da steht, obwohl er eigentlich nicht zu übersehen war, über zwei Meter groß und von einem Körperumfang, für den stattlich eine sehr höfliche Umschreibung war. Er trug schwarze Rancherhosen und stabile schwarze Schnürschuhe, dazu den dunkelblauen Blouson mit dem Security-Schriftzeichen. Für Jennifer gehörte er zum Inventar.

Die Passage war voller Leute. Kleinhändler hatten ihre Stände aufgebaut. Süßigkeiten, Türkränze, Osternester, Schmuck, Textilien. Jeder, der glaubte, etwas verkaufen zu können, schien sich hier eingefunden zu haben. Zwischen den Ständen lief Publikum, kauf- oder schaulustig. Gedränge, Gesprächslärm. Jennifer hatte Sonja, Azubi in einer Gärtnerei, geholfen, die Stiegen mit Frühblühern zu transportieren und sie auf ihrem Verkaufstisch in Körbchen und kleinen Übertöpfen anzubieten. Seit einiger Zeit waren Jennifer und Sonja befreundet, so wie man eben befreundet ist, wenn man ab und zu gemeinsam im Fitnessstudio schwitzt.

Jennifers Mutter hatte gefragt: „Wie viel zahlt sie?“ Jennifer hatte abwehrend den Kopf geschüttelt, aber ihre Mutter hatte sich den Kommentar nicht verkneifen können: „Du bist nicht für Sonjas Umsatz verantwortlich. So bringst du es nie zu etwas.“

Jennifer wollte nicht so denken. Menschen brauchen Menschen, nicht Geld zum Glücklichsein, daran glaubte sie. Sonja höhnte zwar, so könne nur jemand reden, der genug davon habe, aber Jennifer hielt Sonja sowieso für oberflächlich, auch wenn sie ihre einzige Freundin war.

Der Ostermarkt bedeutete nicht nur Arbeit, er war auch ein Fest, bei dem man Freunde und Bekannte traf. Jennifer half Sonja gern an diesem Tag, sie half überhaupt gern, weil sie sich gut dabei fühlte.

Das Fest wurde gestört. Wie Seeleute auf Landgang schoben sich drei Jugendliche durch die Passage, indem sie die Besucher mit abgewinkelten Armen beiseite drückten. Das Mädchen mit karottenrotem offenen Haar kreischte, die beiden Jungen in Jeans und löchrigen Pullovern, einer das grün gefärbte Haar zum Iro frisiert, der andere glatzköpfig, hatten die beiden Enden einer altmodischen abgewetzten Samtstola gefasst, die das Mädchen um den Hals gekreuzt zu einem blauen, aus der Mode gekommenen Taftkleid trug, dessen Saum herunterhing. Das Summen der Gespräche wurde zerrissen durch ärgerliche Rufe der Besucher und Händler.

„Die sind betrunken“, empörte sich eine Frau, die an Sonjas Verkaufstisch ein Körbchen mit Primeln und Schneeglöckchen kaufen wollte.

Da kam Marko.

Vom anderen Ende der Passage bewegte er sich wie ein Schwimmer, der vor sich das Wasser mit den Händen teilt, auf die Jugendlichen zu. Die Leute wichen zur Seite. Als er die drei erreichte, zeigte er mit dem Arm zum Ausgang und scheuchte sie mit seinen großen Händen in Richtung der beiden breiten Glasflügeltüren. Sie hüpften vor ihm her, gackerten armeschlagend wie Hühner, der mit dem grünen Haarschopf krähte, und als sie an die Rolltreppe kamen, stolperten sie entgegen der Fahrtrichtung hinauf und schütteten sich dabei aus vor Lachen.

Marko fuhr die Treppe auf der Gegenseite nach oben und ging in Fahrtrichtung den Krakeelern entgegen, immer noch in gemächlichem Tempo und ohne etwas zu sagen. Inzwischen verfolgten viele in der Passage die Szene auf der Rolltreppe. Wieder scheuchte Marko die drei wie Hühner vor sich her, auf der letzten Treppenstufe machte er einen Satz nach vorn, vielleicht war er gestolpert, vielleicht hatte ihm einer ein Bein gestellt, er verlor einen Moment das Gleichgewicht und taumelte, da drosch ihm der Glatzkopf die Faust von unten gegen die Kinnspitze, Marko drehte sich zur Hälfte um die eigene Achse und schlug hin. Jennifer, die alles gut hatte sehen können, wollte Marko helfen. Doch Sonja hielt sie fest. „Misch dich da nicht ein.“

Die drei rannten, die im Weg Stehenden beiseite stoßend, zum Ausgang, aber Markos Kollege hatte den automatischen Schließmechanismus betätigt, die Tür öffnete sich nicht. Durch die Glasscheiben sah man einen Streifenwagen vorfahren, die Eingangstüren schlugen auf, und ehe die drei den zweiten Ausgang auf der anderen Seite der Passage erreicht hatten, wurden sie von Polizisten weggeführt.

Ein paar Leute hatten sich um Marko gekümmert, er saß auf einem Stuhl neben der Treppe und bewegte wie ein tapsiger Bär den Kopf von einer Seite zur anderen. Zwei Krankenpfleger in orangefarbenen Jacken fassten ihn an den Armen, er wehrte ab, ging dann aber doch mit. Es sah komisch aus, wie sie die Passage durchquerten, so, als hingen die beiden Pfleger an Markos Armen.

Jennifer blickte ihm mit halb geöffnetem Mund nach. Sein Haargummi hatte sich gelöst und das straff zurückgekämmte dunkelblonde Haar rieselte in kleinen Wellen über seinen Rücken fast bis zur Taille. „Hast du das gesehen?“ fragte sie Sonja. Die lächelte anzüglich. „Lust auf eine männliche Jungfrau?“ „Woher willst du das wissen?“ „Ich erzähl es dir. Später.“

Marko musste in Jennifers Nähe wohnen, denn sie sah ihn nun, nachdem sie ihn für sich entdeckt hatte, täglich durch die bis zum Boden reichenden Fenster des Fitness-Studios, wenn sie auf dem Ergometer ihr Trainingspensum strampelte. Das Studio befand sich im umgebauten Erdgeschoss ihres Elternhauses und gehörte ihrem Vater, ihre Mutter betrieb im Souterrain eine Physiotherapie.

Marko kam in der Dämmerung des frühen Abends, bevor die Geschäfte schlossen, immer in der gleichen Kleidung. Schwarze Rancherhosen, schwarze Schuhe, dunkelblauer Security-Blouson. Er bewegte sich gelegentlich in einer auf Jennifer albern wirkenden Weise, dann balancierte er langsam und mit Mühe auf der Bordsteinkante, manchmal hüpfte er wie ein Kind mit geschlossenen Füßen vom Bordstein hinab und wieder hinauf, und das so ungeschickt, dass er mehrfach stolperte und nur mühsam sein Gleichgewicht wieder fand.

Jennifer erfuhr von Sonja, dass er abends und nachts, bis die Gaststätten und Cafés der Passage schlossen, im Einkaufscenter Dienst hatte. Sie wollte erfahren, was Sonja über Marko wusste, warum hätte sie nicht erklären können, vielleicht war es sein dunkelblondes glänzendes Haar. Mit geschlossenen Augen konnte sie das Bild, wie es über seinen Rücken floss, jederzeit zurückholen.

Jennifer und Sonja verabredeten sich beim Italiener in der Passage.

Sonja hatte Marko im Wohnheim für familiengelöste Jugendliche kennen gelernt. Sie selbst war dort nur drei oder vier Monate gewesen, weil sie zu Hause, wie sie sagte, Zoff hatte. Nachdem ihre Eltern geschieden waren, war sie zu ihrer Mutter zurückgekehrt.

Sonja betrachtete sich im Taschenspiegel und malte die Lippen mit einem karmesinroten Stift nach. Die Farbe bildete einen auffallenden Kontrast zu ihrem schwarzen kurzen Haar. „Marko hat eines Morgens, es muss November oder Dezember gewesen sein, jedenfalls war es kalt, blaugefroren, rotz- und tränenverschmiert vor der Haustür gesessen. Wir haben so gelacht! Der große Kerl, er war damals bloß noch nicht ganz so fett wie heute, und heult und schluckt wie ein Baby. Sie haben ihn erst mal reingeholt, wir mussten zur Schule, als wir heimkamen, war er noch da und ist auch geblieben. Er ist ein Psycho, aber harmlos.“

Sie stellte die langen Beine in den schwarzen Overknees geübt, leicht schräg wie die Models in den Journalen, vor den zurückgeschobenen Stuhl. Jennifer sah es. So elegant gewirkt hätte das bei ihr nie. Ihre Beine waren kurz und nicht schlank. Überhaupt wäre Jennifer gerne so schön gewesen wie Sonja. Jennifer fand sich zu dick, sie quälte sich deshalb im Fitness-Studio in der Hoffnung, Sonjas Model-Maße irgendwann zu erreichen. Ihr Vater flachste, ihr Baby-Speck sei geschäftsschädigend. Sonja kam ins Studio „aus Spaß an der Freud’“, wie sie behauptete. Das stimmte sogar. Hier waren häufig gut aussehende junge Männer zu treffen, die gerne noch besser aussehen wollten und hart an der Vergrößerung ihrer Muskelmasse arbeiteten. Sonja und diese jungen Männer saßen nach dem Training noch an der Bar und schwatzten und lachten. Von Jennifer nahmen sie wenig Notiz, obwohl sie es war, die hinter dem Tresen die Getränke mix

Von Sonja erfuhr Jennifer, dass Marko nicht über seine Vergangenheit sprach, auch nicht über seine Eltern. Er erzählte überhaupt nichts. Er war aufgefallen durch seine Ungeschicklichkeit, „der trat sich wie ein dummer August ständig auf die eigenen Füße, immer fiel ihm was runter, immer machte er Flecken“, sagte Sonja und rührte in ihrer Pina Colada. Gefroren habe er dauernd. „Dass ein so dicker Mensch so frieren kann.“ Jennifer legte die Hände um ihre warme Kaffeetasse. „Bewegt hat er sich furchtbar ungern“ sagte Sonja, „nachdem ihm jemand einen alten Computer und ein paar Computer-Spiele geschenkt hatte, war er für uns verloren. Was haben wir ihn verarscht, der war so bescheuert“, Sonja lachte, „einmal wollten wir ihn unbedingt aufklären. Er hat tatsächlich Rolfi gefragt, ob er auch komische Sachen träumt und früh klebriges Zeug in der Hose hat.“

Sonja machte eine Pause, sog mit dem Strohhalm Pina Colada aus dem Glas und sagte: „Wir haben ihn zugucken lassen, Rolfi und ich, und ich habe ihm versprochen, dass er hinterher auch mal darf.“

„Und?“ fragte Jennifer, „durfte er?“

Sonja schob das Glas beiseite, beugte sich über den Tisch zu ihr und gluckste: „Der ist abgehauen. Als wir fertig waren, war er fort. Der konnte mich nie mehr richtig ansehen. Jede Wette, der hat noch nie eine …“ Sonja grinste anzüglich. Jennifer trank ihren Kaffee schluckweise. Sie konnte Sonja jetzt auch nicht ansehen.

Die Erzieher hätten ihn gemocht, sagte Sonja, weil er zuverlässig war und aufs Wort gehorchte, „aber kein Fuzzelchen Initiative. So was von einem Lahmarsch.“

Jennifer legte das Geld für Pina-Colada und Kaffee auf den Tisch.

„Los, gehen wir ihn suchen.“

Die Passage war hell erleuchtet und fast leer. Ein Pärchen betrachtete die Kleider im Schaufenster des Brautmodengeschäfts, auf dem Rand des Springbrunnens lümmelten Jugendliche. Das Rolltor vor dem Lebensmittelmarkt war heruntergefahren, auch alle anderen Geschäfte waren geschlossen. Nur in den Gaststätten war noch Betrieb. Auch der chinesische Imbiss-Stand hatte noch geöffnet. Dort lehnte Marko am Tresen, trank aus einem Glas eine blaue Flüssigkeit und unterhielt sich mit dem schmächtigen chinesischen Inhaber, der neben ihm noch zierlicher wirkte.

„Hey“, Sonja knuffte Marko in die Seite, „geht’s gut?“ Marko wurde rot, stotterte irgendetwas und sagte: „Muss meine Runde machen.“

Er holte ein paar Münzen aus der Hosentasche, der Chinese hatte sich schon seinen Töpfen zugewandt und winkte ab, aber Marko legte mit einer nachdrücklichen Geste das Kleingeld auf den Tresen und wandte sich zum Gehen. Sonja schubste Jennifer direkt vor ihn.

„Das ist Jennifer, sie will dich unbedingt kennen lernen.“ Hätte Marko beide Arme nach vorn ausgestreckt, wären sie ein Regendach für Jennifer gewesen. Aber es regnete nicht, und er streckte seine Arme nicht aus, sondern trat ein wenig zurück, Jennifer sah nach oben in sein Gesicht, ein weiches Gesicht mit einem vollen schön geformten Mund, einer stumpfen kurzen Nase und großen hellblauen Augen mit langen Mädchenwimpern, darüber dunkle Brauen wie Vogelschwingen. Das Ziegenbärtchen am Kinn passte überhaupt nicht in dieses Kindergesicht. Er kratzte sich am Hinterkopf, zuckte mit den Schultern, kicherte und wurde rot.

Um nicht nur verlegen von einem Bein aufs andere zu treten, sagte Jennifer: „Wir haben ein Fitness-Studio. Kannst ja mal kommen.“

Sie drückte ihm eine Visitenkarte in die Hand; Jennifer hatte Order von ihrem Vater, die an möglichst viele Leute zu verteilen, rief „Man sieht sich“, hastete in Richtung Ausgang und in die diffuse Dunkelheit. Sonja rannte hinterher. Die blass orangefarbenen Lichtkegel der Straßenlaternen verschluckten das Licht der mageren Mondsichel über dem Stadtpark und zeichneten zwei sich eilig bewegende Schatten auf den hellen Asphalt

„Fitness-Studio!“ kreischte Sonja, „hast du dir den richtig angesehen? Der ist so fett, dass man die Schwimmringe durch die Hose sieht.“

Die Weiße Reihe, quartus-Verlag Bucha 2013

 

Im demokratischen Wald

Alles ging seinen geordneten Gang. Die Zeit hatte sich beruhigt und floss gemächlich dahin. Langlöffelhasen und Kurzlöffelhasen vertrugen sich und fanden sich gegenseitig ordentlich und fleißig. Der Uhu, der die letzte Wahl zum König gewonnen und damit der Amsel den Thron genommen hatte, regierte unaufgeregt und mit Umsicht. Der Wohlstand der Hasen wuchs, die Sassen waren weich gepolstert, Klee, Möhren und frisches Gras gab es im Überfluss, sie brauchten ihre Nahrung nicht selbst zu suchen, alles war im Supermarkt zu kaufen. Nicht nur den Hasen, auch den anderen Tieren im Wald ging es gut, denn in einem demokratischen Wald sind alle Farben bei Fell und Federn erlaubt. Trotzdem taten die Schwarzen so, als könnten sie die Roten nicht leiden, die Grünen regten sich über die Schwarzen und die Roten auf und gemeinsam waren sie alle gegen die Braunen. Der Uhu legte die Flügelspitzen vor dem Bauch zusammen und hörte den Debatten zu. Wenn er sich äußerte, dann so, dass keiner sagen konnte, wem er Recht gegeben hatte. Nie verlor der Uhu die Fassung, kreischte nicht und schlug nicht wild mit den Flügeln, sondern rief sein beruhigendes „Schuhu“.

Moral: Demokratie neigt gelegentlich zum Mittelmaß.

Das große Fressen - grimmige Fabeln und fabelhafte Märchen (gemeinsam mit Ehemann Siegfried Schütt) quartus-Verlag Bucha, 2. Auflage 2016