Siegfried Schütt
Siegfried Schütt

98530 Dietzhausen

(036846) 18322
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10. Klasse, 11. Klasse, 12. Klasse

Biografisches

Geboren 1937 in Lübbenau. Freier Schriftsteller. Bis 1993 Endredakteur und Korrektor bei der Zeitung "Freies Wort" in Suhl. Studium am Institut für Literatur in Leipzig. Mitglied des Verbandes Deutscher Schriftsteller Thüringen.

Bibliographie

"Das große Fressen", gemeinsam mit Ursula Schütt, grimmige Fabeln und fabelhafte Märchen, Edition Ornament im quartus Verlag Bucha bei Jena, 2009.

"Die Simson-Legende", aus der Geschichte eines Traditionsunternehmens, Verlag Druckmedienzentrum Gotha, 2006.

"Befreit, verfolgt und totgeschwiegen", dokumentarische Erzählung, Euro-Verlag Cottbus und Chemnitz, 2004.

"Liebe, Liebe laß' mich los", Goethe und die Frauen, dokumentarische Erzählung, wird von einigen Schulen in den 12. und 13. Klassen als Lehrstoff genutzt, Verlag Langen-Müller-Herbig München, 2001.

"Theodor Oberländer", Biographie, Verlag Langen-Müller-Herbig München, 1995.

 

Außerdem Veröffentlichungen in Anthologien und Zeitschriften.

Themenangebot

Lesungen: für Jugendliche ab Klasse 10

Die Texte vermitteln Wissen auf anschauliche und unterhaltsame Weise, sie eignen sich zur Unterstützung von Projekten im Literatur-, Ethik- und Geschichtsunterricht. Zeitkritische Seitenhiebe in Fabeln und Märchen.

Leseprobe

Rumpelstilzchen

Es war einmal ein Müller, der prahlte damit, dass seine schöne Tochter Stroh zu Gold spinnen könne. Davon hörte auch ein König, der all sein Geld verprasst hatte. Der sagte sich: Dieses Mädchen will ich mir auf mein Schloss holen, sie soll mir ihre Kunst beweisen. Kann sie wirklich Stroh zu Gold spinnen, so bin ich aller Sorgen ledig.

Und er sagte zu ihr: „Wenn du mir Stroh zu Gold spinnst, heirate ich dich. Wenn nicht, jage ich dich mit Schimpf und Schande davon.“

Er ließ eilig eine Kammer im Schloss mit Stroh füllen, gab dem Mädchen ein Spinnrad und verschloss die Tür. Da weinte die Müllerstochter, bis es Nacht wurde, denn sie konnte natürlich kein Stroh zu Gold spinnen. Doch plötzlich stand ein Männchen in der Kammer, das sich anbot, ihr die Arbeit abzunehmen. Es setzte sich auch sogleich ans Spinnrad und ließ es schnurren, und als der Tag anbrach, war alles Stroh versponnen und die Kammer voller Gold. Als nun der König kam, um nachzusehen, ob dem Mädchen das Kunststück gelungen war, strahlte er und befahl sofort der Müllerstochter, das Ganze zu wiederholen. Stroh sei genügend da. Und wieder kam ihr das Männchen zur Hilfe, und als der König auch noch ein drittes Mal verlangte, sie solle die Kammer mit Gold füllen - erst dann würde geheiratet - war abermals das Männchen zur Stelle, bat aber um eine Belohnung. Wie komme es denn dazu, sich ständig die Hände wund zu arbeiten, nur damit eine Müllerstochter Königin werden könne, wo bleibe denn da die Dankbarkeit. Das Mädchen aber senkte traurig den Kopf, denn sie hatte nichts. Das Männchen aber meinte, sie habe doch etwas, was sie ihm schenken könne, nämlich sich selbst. Doch das lehnte sie ab, und der Kleine nahm schon seinen Hut, um zu gehen. Aber da fiel ihm ein, dass sie sich schließlich selbst helfen könne, sie brauche nur seinen Namen herauszufinden. Wäre es der richtige, würde er, so leid es ihm auch sei, auf den Beischlaf verzichten. Wäre es aber der falsche, dann allerdings müsse sie ins Bett. Sie habe drei Wochen Zeit, den richtigen Namen herauszufinden, und sie dürfe zudem auch dreimal raten. Da willigte das Mädchen ein und das Männchen füllte wiederum die Kammer mit Gold.

Als nun der König den reichen Segen sah, sagte er sich: Ich wäre ja dumm, wenn ich diese Frau nicht heiraten würde. Und schon am nächsten Tag fand die Hochzeit statt und sie dauerte drei Tage und drei Nächte. Danach setzte sich der König in seine Schatzkammer und erfreute sich am Glanz des Goldes.

Die Königin aber war voller Sorge. Sie schickte die Hofjäger ins Land, damit sie den Namen des Männchens herausfänden. Doch die Tage vergingen rasch, und die drei Wochen waren fast schon um, und niemand hatte den Namen des Männchens herausfinden können, bis endlich doch noch einer der Hofjäger meldete: „So und so ... er habe im Wald einen kleinen Mann gesehen, der offenbar ein Öko-Aktivist sei, der backe selbst, braue alleine und sei obrigkeits-resistent. Dieser Kerl sei um ein Feuer herumgetanzt und habe gesungen: „Heute back’ ich, morgen brau’ ich, übermorgen mache ich der Königin ein Kind. Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß’!“

Da fiel der Königin ein Stein vom Herzen, und als die Zeit heran war, in der das Männchen kommen würde, setzte sie sich auf ihr Bett und erwartete getrost die Nacht. Das Männchen kam um 12.00 Uhr, lüpfte seinen Hut und sagte: „Na, Königin, wie heiße ich?“

Die Königin verstellte sich nun und sagte: „Lass’ mich raten. Heißt du vielleicht Hänschenklein?“ „Na ja, na ja,“ antwortete das Männchen, „so klein bin ich doch nun auch wieder nicht - und so heiße ich auch nicht.“

„Also gut“, sagte die Königin, „heißt du vielleicht Rippenbiest?“

Da hob das Männchen drohend die Hand und murrte: „Werd’ mal nicht frech. Wer steht denn hier bei wem in der Kreide, ich bei dir oder du bei mir?“

„Schon gut“, sagte die Königin, „nimm mir’s nicht übel, ich kenne ja deinen richtigen Namen, du heißt Rumpelstilzchen.“ Da schüttelte das Männchen den Kopf und sagte: „Du irrst. Ich heiße nicht Rumpelstilzchen. Den Namen habe ich mir nur ausgedacht. Glaubst du, ich bin so blöd, meinen richtigen Namen zu nennen? Ich weiß doch längst, dass man überall abgehört wird, selbst im Wald ist man nicht sicher. Immer ist einer da, der die Ohren spitzt. - Und nun, Schätzchen, zieh’ dein Kleid aus und schlüpfe ins Bett. Jetzt fangen wir an.“

Das große Fressen - grimmige Fabeln und fabelhafte Märchen in Die Weiße Reihe , Bucha 2016, 2. Auflage