Landolf Scherzer
Landolf Scherzer

98530 Dietzhausen

(0175) 5605648
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7. Klasse, 8. Klasse, 9. Klasse, 10. Klasse, 11. Klasse, 12. Klasse

Biografisches

Geboren 1941 in Dresden. Journalistikvolontariat bei der "Lausitzer Rundschau" in Cottbus. Journalistikstudium in Leipzig. Bis 1975 Redakteur, danach freischaffender Schriftsteller. Bücher, Hörspiele, Theaterstücke. Bevorzugtes Genre: Literarische Reportagen. Von 1994 bis 1999 sowie 2006 und 2007 ehrenamtlicher Vorsitzender des Verbandes Deutscher Schriftsteller in Thüringen. Mitglied des PEN.

Auszeichnungen

Walter-Bauer-Preis, 2010

Heinrich-Heine-Preis, 1986

Kunstpreis des FDGB für Literatur, 1984

Bibliographie

"Der Rote. Macht und Ohnmacht des Regierens", Aufbau-Verlag Berlin 2015.

"Autorenpatenschaften Nr. 2", Mitteldeutscher Verlag 2014.

"Stürzt die Götter vom Olymp" Aufbau Verlag Berlin, 2014.

"Madame Zhou und der Fahrradfriseur", Aufbau Verlag Berlin, 2012.

"Urlaub für rote Engel", Aufbau Verlag Berlin, 2011.

"Letzte Helden", Aufbau Verlag Berlin, 2010.

"Immer geradeaus. Zu Fuß durch Europas Osten" Aufbau Verlag Berlin, 2010.

"Die alkoholfreie Hochzeit" erschien in der Reihe "Verlegtes wiedergefunden", Nora-Raritäten Berlin, 2009.

"Grenzgänger", Aufbau-Verlag Berlin, 2005.

"Schwarze Weisheiten", Nora-Verlag Berlin, 2004.

"Die Fremden", Aufbau-Verlag Berlin, 2002.

"Der Letzte", Aufbau-Verlag Berlin, 2000.

"Der Zweite", Aufbau-Verlag Berlin, 1997.

"Mitleid ist umsonst, Neid musst du dir erarbeiten", mit einem Vorwort von Günther Wallraff, edition ost Berlin, 1997.

"Am Sarg der Sojus", Buchverlag Suhl, 1993.

"Auf Hoffnungssuche an der Wolga", Kiepenheuer-Witsch Köln, 1991.

"Der Erste", Greifenverlag Rudolstadt, 1989.

"Das Camp von Matundo, Verlag Neues Berlin, 1986.

"Bom dia, weißer Bruder", Greifenverlag Rudolstadt, 1984.

"Fänger und Gefangene", Greifenverlag Rudolstadt, 1983. Neuauflage im Aufbau-Verlag, 2005.

"Nahaufnahme aus Sibirien ...", Greifenverlag Rudolstadt, 1977.

"Spreewaldfahrten, Greifenverlag Rudolstadt, 1975.

"Südthüringer Panorama", Greifenverlag Rudolstadt, 1973.

Themenangebot

Für den Unterricht: Lesungen zum Thema Ausländerfeindlichkeit - Probleme unserer heutigen Wirklichkeit mit all ihren sozialen, politischen und ökologischen Konflikten.

Reisegeschichten aus Afrika und Asien.

Schreibwerkstätten für Schülerinnen und Schüler ab der Klassenstufe 7.

Leseprobe

 

aus "Letzte Helden"

Der erste Tafeltag

Als mein Anorak, den ich in der hundekalten Tafelhalle nicht ausgezogen habe, beim Aussortieren von verschimmelten Orangen, verfaultes Bananen und zerquetschte Tomaten nach zwei Stunden bekleckert ist, gibt mir „Jesus“ ein Pullover aus der Kleiderkammer. Der hagere, großgewachsene Mittfünfziger leitet die Eisenacher Caritas-Tafel. Mit seinem verwilderten grauen Vollbart und den langen, bis auf die Schultern hängenden Haaren ähnelt er zwar dem Bild des Gekreuzigten, hat aber sonst wenig von einem Heiligen an sich. Mit sieben Helfern sitzt er frühmorgens um 8:00 Uhr in der Wärmestube der Tafel. …

Punkt 8:30 Uhr erheben sich alle. Arbeitsbeginn in einer der 800 ehrenamtlich betreuten Lebensmitteltafeln der Bundesrepublik. Heute ist Montag am Montag und am Donnerstag werden in Eisenach nachmittags die Waren an die bedürftigen „Abholer“ ausgegeben. Zuvor müssen die mit einem Transporter aus Supermärkten und kleinen Geschäften geholten und dadurch vor den Müllcontainer geretteten Lebensmittel sortiert, ausgelesen und in Stiegen gelegt werden.

Mit Richard und Jochen schneide ich Kartoffelsäcke auf und fülle die Knollen portionsweise in Plastikbeutel. Die beiden ermahnen mich, nicht zu reichlich Kartoffeln in die Beutel zu packen. Sie müssen heute bestimmt für 250 Leute reichen.

Die ersten zwei „Kunden“ - in dicken Mänteln und wollene Kopftücher gehüllte Frauen - stehen schon gegen 9:00 Uhr im Hof vor dem Ausgaberaum, der um 14:00 Uhr geöffnet wird.

Um 10:00 Uhr kommt das Auto mit Obst, Gemüse, Keksen, Käse, abgepacktem Brot und weißen Rosensträußen. Die Blumen legt “Silberkettchen“ auf den Hof.

„Irgendjemand wird sie mitnehmen.“

Aus teilweise schon durchgesuppten Pappkartons klaube ich die schlechten Tomaten, suche die guten Orangen aus den Netzten, sortiere Rosenkohl, werfe matschige Möhren und Rote Bete in die Biotonne, staple noch brauchbare Bananen im Plastestiegen und will angefaulte Auberginen und Gurken sorgsam aufschneiden. Aber Jochen erklärt, dass sie Ausgeschnittenes nicht ausgeben. Zusammen mit Töpfen von verdorrtem Basilikum, verwelktem Salat und vergammelten Litschis landet alles in der Tonne. …

Ich nehme jede Mandarine einzeln in die Hand, prüfe, ob sie noch fest ist, schneide welkes Laub von Kohlrabi, Sellerie und Radieschen, sammle im Dezember (!) schlechte Kulturheidebeeren aus den Schälchen. Die draußen warten, sollen mit den Lebensmitteln zufrieden sein. Und sie werden dankbar lächeln, wenn sie sich mit ihrer gefüllten Kartons verabschieden. Denke ich.

Letzte Helden

Am 26.April 2016 jährte sich zum 30. Mal die Atombombenkatastrophe von Tschernobyl nach der Tausende Menschen in der Ukraine und Belorussland Opfer des „unsichtbaren schwarzen Todes“ wurden.

„… Rund um Tschernobyl regelt das Militär eine 30-Kilometer-Sperrzone ab, die niemand betreten darf. In den Dörfern dieser Zone hoben Baggerfahrer Löcher aus, in denen sie die Holzhäuser versenkten und die sie danach zuschütteten. Anschließend durchstreiften Jagdkollektive die leeren Dörfer und erschossen die Menschen suchende zutraulichen hochverstrahlten Katzen und Hunde. Und Soldaten trugen die verseuchte Erde ab. Und begruben Erde unter Erde…

Mit dem Sirenenzeichen sprangen jeweils neun Liquidatoren aus ihrer Deckung versuchten mit Schaufeln und Spaten, die Atomtrümmer vom Dach zu stoßen. Nicht länger als 90 Sekunden. Dann heulte die Sirene und die nächsten neun Liquidatoren sprangen auf das Dach. Für diese 90 Sekunden ihres Lebens erhielt sie eine Urkunde, Prämien und die vorzeitige Entlassung aus der Armee. Für 90 Sekunden Heldentum als menschlicher Roboter gegen den Strahlentod.“

 

aus "Stürzt die Götter vom Olymp"

Das andere Griechenland

… Und weil Kostas heute keine Zeit für ein Nachtgespräch hat, erzählt er mir nur noch eine kurze Abschiedsgeschichte.

In seinem Ort sieht ein älterer Mann vor der Fischtaverne das Schild: „Speisen und Getränke umsonst. Alles bezahlen die Enkel.“ Der Mann glaubt an einen Scherz, doch als am nächsten Tag immer noch Speisen und Getränke die die Enkel bezahlen, angeboten werden, sagt der Mann zu seiner Frau: „Zieh dich fein an, ich lade dich heute Abend zum 1. Mal in die Fischtaverne ein. Vor dem Eingang hängt immer noch das vielversprechende Schild „Speisen und Getränke umsonst. Alles bezahlen die Enkel.“ Der Mann bestellt zuerst 50 Jahre alten Champagner. Danach lässt er Hummer und Langusten und delikate Fische kommen, probiert mit seiner Frau die feinen Desserts und verlangt zum guten Schluss noch französischen Kognak. Als sie dankend gehen wollen, bringt der Kellner eine Rechnung über 850 €. Der Mann empört: „Wozu eine Rechnung? Es war doch alles umsonst! Zahlen sollten die Enkel!“ Das bestätigt der Kellner und erklärt lächelnd: „Aber diese Rechnung ist die von ihrem Großvater!“

 

aus "Madame Zhou und der Fahrradfriseur"

Auf den Spuren des chinesischen Wunders

Wir wollen zu dem großen Parkplatz neben dem sich Sichuan-Restaurant fahren, doch obwohl es in Peking, wie Klaus versichert, an die 3000 Restaurant geben soll, ist die Einfahrt hoffnungslos überfüllt. Wir stehen rechts blinkend, hilflos auf der Hauptstraße. Hinter uns hupen und blenden die sich scheinbar immer mehr ineinander verkeilenden Autos. Doch das stört weder Klaus noch die 4 Chinesen, die wie Geisterbeschwörer um die Wagen herumtanzen, die zum Restaurant abbiegen wollen. Einer klopft an unsere Fensterscheibe und sagt, wir sollen aussteigen, ihm den Autoschlüssel geben und die 80 m bis zum Restaurant laufen. Er gehöre zum sich Sichuan, werde das Auto wahrscheinlich in der nächsten Stunde in eine Lücke fahren können und den Schlüssel danach im Restaurant abgeben. Dort soll Klaus ihn sich nach dem Essen wiederholen. E überreicht dem Unbekannten den Autoschlüssel. Der steigt ein, nimmt eine Illustrierte aus der Jacke und beginnt, während das Hupen hinter ihm immer lauter wird, mit stoischer Ruhe zu lesen.

An der Tür des Restaurants begrüßen uns schöne Frauen in knöchellangen und bis zu den Hüften geschlitzten enganliegenden roten Kleidern. Das Restaurant hat zwei Etagen. Unten gibt es keinen freien Platz, doch oben räumen zwei Kellnerinnen gerade einen Tisch ab. Sie werfen die neben den Teller liegenden Essensreste mitsamt der Papierdecke in eine Mülltonne, die sie hinter sich herziehen und kehren auf dem Betonboden liegende Knochen zusammen.

Auch am Nachbartisch schieben laut schwatzen Chinesen, wenn sie auf ihrem Teller Platz brauchen, die Reste vom Teller auf den Tisch, und wenn sie Platz auf dem Tisch haben wollen, werfen sie die Knochen vom Tisch herunter. Aber nicht das Essverhalten der Chinesen, sondern der ohrenbetäubenden Lärm im Restaurant ist für mich das Gewöhnungsbedürftigste. Ich fühle mich wie in einem auf Krawall inszenierten italienischen Theaterstück, in dem bei einer Volksszene hundert Statisten gleichzeitig reden, lachen und sich gegenseitig zu überschreien versuchen…

„Das ist die Normalität", versucht mir Klaus zu erklären. „Ein Chinese geht zum Essen nur in ein Restaurant, in dem er schon von draußen fröhlichen Lärm-renao-hört.“

Die Gerichte bestellt man nicht nach einer Karte, sondern aus einem dicken Speisebuch, in dem von der Suppe bis zur Nachspeise alles, was das Restaurant zu bieten hat, auf Hochglanzpapier abgebildet ist. Klaus tippt auf die bunten Fotos, und die Kellnerin - das einzige Zierliche im Restaurant - schreibt die Gerichte auf. Als sie schon 10 unterschiedliche Speisen notiert hat, denke ich, dass Klaus noch weitere Gäste erwartet. Bei 12 werde ich unruhig. Bei 14 will er aufhören, doch die Zahl 4 - das erfahre ich erst später- meidet man in China. Die Vier –si -wird im Chinesischen genauso ausgesprochen wie das Wort Tod. Deshalb verzichten manche Hotels auf die Zimmernummer 4. Nach dem Zimmer Nr. 3 kommt das Zimmer Nr. 5, und in manchen Hochhäusern kann man im Fahrstuhl nach dem 3. Stockwerk erst wieder die 5 drücken.

An unserem Tisch erscheinen keine weiteren Gäste, und nacheinander stellen die Kellnerinnen in Schalen und auf Tellern die 15 Köstlichkeiten auf den Tisch: gedünstet Gurken, Sprossen in Ingwersoße, lange Reisnudeln in Fleischbrühe, gebackene Auberginen mit Shrimps, kalte scharf gewürzte Hühnerflügel, Lammspieße, süß-saure Pilze, zwischen Hunderten roten Chilischoten gebratene winzige Rindfleischkügelchen, kann dir gegrillte Bananen…

Bevor er bezahlt, gehe ich zur Toilette. An ihrer hinteren Wand befindet sich durch Seitenverschläge abgetrennte Buchten mit Fußabtritt und Loch dazwischen. Das kenne ich schon aus asiatischen und orientalischen Ländern. Das Pissoir daneben ist allerdings als geologisches Kunstwerk gestaltet. Die Wand hat man mit blauen schieferähnlichen Steinkacheln gefliest, und darunter zieren blau angestrahlte Muscheln, Korallen und Steine die Pinkelrinne. Ich bin sehr gehemmt.

Vor der Toilette steht eine Frau unter einem großen roten mit Goldkordeln geschmückten Lampion. Sie dreht mir zum Waschen den Wasserhahn auf, reicht mir ein Handtuch und gibt mir zum guten Schluss noch eine duftende Papierserviette. Es ist mir sehr peinlich, denn ich habe kein Geld einstecken, und versuche, ihr mit Händen und Füßen deutlich zu machen, dass ich sofort mit Geld zurückkomme. Sie versteht mich falsch, dreht mir lächelnd noch einmal den Wasserhahn auf, reicht mir das Handtuch, eine Papierserviette…

Ich laufe sehr schnell zum Tisch, um Geld zu holen, und erzähle Klaus von meinem Missgeschick, aber er hindert mich daran zurückzugehen. “In China nimmt man meist kein Trinkgeld. Selbst wenn du das Wechselgeld auf dem Tisch liegen lässt, kann es passieren, dass dir der Keller damit hinterherrennt.“

Man behauptet, dass es seit der Mao-Zeit so üblich ist. Aber dieses moralische Prinzip der Revolution hätten sich viele chinesische Neureiche, Beamte, Politiker und Parteibosse nicht bewahrt.

„Die können inzwischen nicht genug Almosen in Form von Bestechungsgeldern einstecken.