Bernd Ritter
Bernd Ritter

99891 Tabarz

(036259) 61114
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berndritter-autor.de
11. Klasse, 12. Klasse

Biografisches

Geboren geboren 1954 in Sachsen, 1972 Abitur, 18 Monate Grundwehrdienst, 1974-1977 fünf Semester Studium der Germanistik, verschiedene Tätigkeiten in verschiedenen Betrieben, 1979 Heirat, 1 Tochter,1982 Ingenieurökonom, 1989 Ausreise aus der DDR,1996 Umzug von Hessen nach Thüringen,Einrichtungsberater in der Holz- bzw. Möbelbranche.

Bibliographie

"Hanns Cibulka zum 90. Geburtstag", Essay, PALMBAUM Heft 2/2010.

"Rechnen müsste man können! Ein modernes Rätsel", (illustriert von Marga Lenz), Anthologie "Paula in der Aula", Hrsg. FBK für Thüringen e.V., dorise-Verlag 2010.

"Geistes Plage", Erzählung, Glaux Verlag Jena, 2007.

"Die Nixe und der Clochard", Erzählung, Anthologie "Liebeswettstreit" im Verlag Neues Leben, 1989.

"Der große Coup des Gotwin Brandt", Erzählung, Anthologie "Einstieg" im Verlag Neues Leben, 1987.

"Die Legende vom weißen Fisch", Erzählung, "Der Geschichtenkalender 1985" im Greifenverlag zu Rudolstadt, 1984.

"Höfel", Erzählung, Anthologie "Das Huhn des Kolumbus" im Verlag Neues Leben, 1982.

"Höfel", Erzählung, TEMPERAMENTE - Blätter für junge Literatur, Verlag Neues Leben, 1981.

Themenangebot

Lesungen veröffentlichter und unveröffentlichter Texte in Bibliotheken und Gymnasien ab der 11. Klasse.

Wenn gewünscht, in Abstimmung mit der Lehrerin, dem Lehrer: literaturgeschichtliche Betrachtungen zum aktuellen Stoff.

Leseprobe

Geistes Plage

Eine Phantasie

Der Entschluss

August von Kotzebue hatte an einem jener Sommerabende, an denen nichts zu geschehen scheint, außer dass unsre Trauer um Gewesenes wie eine schillernde Wolke über den bodenlosen Himmel reist, ein verwirrendes Erlebnis. Der Ablauf des Geschehens geriet so sehr ins Nebulöse, dass er um seinen Verstand fürchtete, bis ihm die Erleuchtung kam, sich einzureden, einfach nur geträumt zu haben. Es begann damit, dass er aus einer dicken Finsternis erwachte. In Abständen von Sekunden leuchteten Bilder aus seinem Leben durch die Dunkelheit. Er wollte ertasten, wo er sei, doch schien er gelähmt. An Kopf und Gliedern hing eine Schwere wie nach einer großen Trunkenheit. Dann endlich wurden die Gegenstände seiner Umgebung in sanftes Licht getaucht. Sofort ahnte er, dass er lange geschlafen haben musste.

Das Zeitgefühl verliert man wohl nie, selbst im Tode nicht, dachte er. Ja, August von Kotzebue war tot, - so tot, wie ein Sterblicher nur sein kann. Aber etwas war anders mit ihm, denn normale Verstorbene erwachten niemals aus ihrer tödlichen Verdämmerung.

Das wusste August von Georges Cuvier, dem berühmtesten Naturforscher der Franzosen, der seinem nicht minder berühmten Besucher, dem deutschen Theaterdichter August von Kotzebue, sein anatomisches Kabinett erklärte. In Paris. Wann war das gewesen? ... 1804?

August rieb sich die leeren Augenhöhlen und besann sich. Ja, 1804. Von Frankreich aus war er damals über Berlin zurück auf seinen Landsitz Friedenthal unweit von Narwa in Livland geeilt. Um die Cousine seiner verstorbenen zweiten Frau Christina zu heiraten ...seine geliebte Christel...elendig gestorben war sie, die treue Seele...er hatte ihr nicht helfen können... Die Kinder brauchten wieder eine Mutter. Weniger der Wilhelm, auch nicht der Otto, die beiden Söhne aus erster Ehe; die waren untergebracht und versorgt, im Kadettenkorps zu Sankt Petersburg, nein, es ging um die drei Kleinen, die Christel ihm geschenkt hatte; die brauchten eine führende Hand

 

Es kann schon nicht alles so bleiben

Hier unter dem wechselnden Mond;

Es blüht eine Zeit und verwelket

Was mit uns die Erde bewohnt.

 

Die Verse der ersten Strophe seines Gesellschaftslieds. Problemlos erinnert, ohne zu stocken, wie am Tage der Niederschrift.

Sein Verstand war also intakt. Neugierig schaute er sich um. In einem hölzernen Gehäuse lag er und die Decke einer schaurig-schönen Gruft wölbte sich über seinem Haupte. Eine Rose sah er über sich zum Greifen nahe, die hatte ein junges Mädchen soeben aus einer Menschengruppe heraus auf seinen Sarkophag gelegt

August erkannte ganz deutlich, dass das junge Ding die Handflächen vor ihrem Mund zusammendrückte als wollte sie ein Gebet flüstern. Respekt der Lebenden vor dem Tode. Er war gerührt.

Überhaupt erschienen ihm die Geräusche einer ehrlichen Trauergemeinde durchaus angemessen und nicht weiter störend. Noch im Unterbewusstsein hatte er aus einem leichten Scharren und Gemurmel heraus Worte vernommen: „... der Schädel, der mit größter Wahrscheinlichkeit der richtige ist... in einem anderen Sarg liegt ein zweiter ... der eine Zeit lang dafür gehalten wurde... im Ergebnis einer ... Studie ... später wieder ausgeschlossen ... im Kassengewölbe auf dem Jakobsfriedhof beigesetzt ... wo angesehene Bürger bestattet wurden ... von Zeit zu Zeit wurde das Gewölbe beräumt ... als das 1826 wieder der Fall war, bemühte sich der damalige Weimarer Bürgermeister ... ein großer Verehrer... um Gebeine und Schädel ... nach der Totenmaske und den Möglichkeiten der damaligen Anatomie wurde der Schädel ausgewählt, der heute im Sarg vor uns liegt ... zunächst in der Weimarischen Bibliothek aufbewahrt ... 1827 zusammen mit den Gebeinen hierher überführt ... Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Echtheit angezweifelt ... 1911 ... ein anderer Schädel ... der im zweiten Sarg ... im Laufe des 20. Jahrhunderts ... Streit unter Anatomen ... in den sechziger Jahren wurden zahlreiche Vergleiche ... von dem russischen Anthropologen Gerassimow und dem Berliner Zahnmediziner Ullrich ... der 1826 gefundene Schädel als der höchstwahrscheinlich echte ... ich betone höchstwahrscheinlich ... zahlreiche sachliche, aber auch politisch-polemische Publikationen ... für den Außenstehenden nicht durchschaubar ... aus Gründen der Pietät und der Totenruhe ... eine Gewissheit über den Schädel hat keinerlei Relevanz für das Werk ... beabsichtigt die Stiftung Weimarer Klassik und Kunstsammlung keine Fortsetzung der Debatte unter Anatomen.“ Wäre August da schon bei Sinnen gewesen, er hätte es den andächtig Harrenden gleichgetan und den Worten des respektablen Herrn in ihrer Mitte ebenso andächtig gelauscht. Kein Laut wäre ihm dann entglitten, doch – wie gesagt -, er war noch nicht bei Besinnung.

Jetzt schon. Jetzt hatte er sich gänzlich aus seiner dumpfen Betäubung befreit, hatte endgültig seine Nachtbefangenheit verlassen. Er nahm nicht nur die Gestalten und deren Kleidung wahr, sondern unterschied auch sehr genau die Gesichter: durchweg angenehme Erscheinungen.

Das Publikum beweint seinen Dichter.

Er hatte es kurz vor seinem Tod prophezeit: Jetzt sind die Franzosen stolz auf ihren Racine: Das macht, er lebt nicht mehr, und der Neid, die tätigste aller Leidenschaften, schweigt. Führwahr, jeder dramatische Dichter sollte von seinen Zuschauern nichts weiter erbitten als: bildet euch ein, ich sei tot.

Das Selbstzitat erfrischte ihn.