Stefan Petermann
Stefan Petermann

Weimar

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9. Klasse, 10. Klasse, 11. Klasse, 12. Klasse

Biografisches

Stefan Petermann wurde 1978 in Werdau geboren. Er studierte an der Bauhaus-Universität in Weimar. 2009 erschien sein Debütroman "Der Schlaf und das Flüstern". Er erhielt verschiedene Stipendien und Auszeichnungen. Seine Erzählungen "nebenan", "Die Angst des Wolfs vor dem Wolf" und "Der Zitronenfalter soll sein Maul halten" wurden verfilmt. 2015 war er Stadtschreiber im österreichischen Wels. Für seinen aktuellen Roman "Das Gegenteil von Henry Sy" erfand er die Hauptfigur auf Facebook. Er lebt in Weimar

Auszeichnungen

Würth-Literaturpreis 2017

Stipendium Schloss Wiepersdorf 2016

Stipendium Kulturstiftung Thüringen 2016

Stadtschreiber Wels 2015

Burgstipendium Kulturstiftung Rhein-Neckar-Kreis 2015

Artist in Residence kunst:raum Sylt Quelle 2013

Stipendium Netzresidenz Literaturhaus Bremen 2012

Autorenstipendium des Landes Thüringen 2010

MDR – Literaturwettbewerb, Publikumspreis und 3. Platz  2009

Eobanus-Hessus-Preis 2007, 2009, 2010

FM4 Kurzgeschichtenwettbewerb Wortlaut 2006, 2008

Literaturforum Hessen-Thüringen 2004

Bibliographie

"Der weiße Globus", Geschichten, Edition Muschelkalk, 2017

"Das Gegenteil von Henry Sy", Roman, asphalt & anders Verlag, 2014

"Ausschau halten nach Tigern", Erzählungen, asphalt & anders Verlag, 2011

"Der Schlaf und das Flüstern". Roman, asphalt & anders Verlag, 2009

Themenangebot

Schreibwerkstätten und Lesungen ab Klasse 9 / Oberstufe.

Die Themen der Erzählungen bewegen sich in der Lebenswelt der Jugendlichen (Umgang mit sozialen Medien, Superstarkult, Drogenkonsum, Außenseitertum).

Gern auch in Verbindung mit anderen Medien wie Internet und Kurzfilm.

Leseprobe

Hager

 

Hager geht’s nicht so gut. Genau genommen ist er tot. Seit acht Tagen. Sitzt er auf einem Stuhl in seiner Küche. In seinem Haar glitzern Eiskristalle, die Haut schimmert blässlich blau, die Hose steif vor Kälte. Die Zehen in den Sandaletten sind mit Raureif überzogen, das Hemd am Körper ist festgefroren. Hager vermutet einen Herzinfarkt. Oder noch wahrscheinlicher: eine verschleppte Herzmuskelentzündung. Nicht einmal zusammengesackt ist er. Eben noch Hager, in der nächsten Sekunde schon ein Leichnam, der erst Wochen später von Nachbarn gefunden werden wird. Zu seinem Glück ist Winter. Da werden aus Wochen leicht Monate. Bis das Tauwetter einsetzt. Hager ist das egal. Er hat ja jetzt Zeit.

Weil sonst nichts zu tun ist, wettet er gegen sich selbst: Wer wird ihn zuerst finden? Oder besser noch: wahrnehmen? Er überlegt, wie Luft sich verteilt. Dringt sie von seinem Einzimmer-Apartment aus durch die Tür hinaus auf den Hausflur? Steigt sie zur Decke empor? Zieht sie an den Balkonen vorbei? Oder sackt sie den Abfluss hinab? So viele Möglichkeiten. Hager ist wirklich gespannt. Wer wird ihn finden? Vor wenigen Tagen hat er Stimmen an der Tür gehört. Schritte und eine Diskussion, fast so, als würde sich jemand für seine Wohnung interessieren. Aber Irrtum. Die Stimmen gingen, und zurück blieb das kalte, leere, leblose Zimmer.

Vertieft in Gedanken ordnet Hager das Geräusch erst spät ein. Da steht der Junge schon vor ihm. Ein kleiner Junge, in den vielen Wintersachen sieht er wie eine geplatzte Hummel aus. Auf dem Kopf sitzt eine Mütze mit Bommel, durch die Ärmel ist ein Strick gezogen, an dessen Enden Handschuhe baumeln. Der Junge trägt eine hellblaue Skihose, die Knie sind abgewetzt. Von seinem geröteten Gesicht tropft Schnee hinab. Sein Atem geht hastig. Wie alt mag der Junge sein? Hager kann das nicht schätzen. Er hatte kaum mit Kindern zu tun.

»Oha«, sagt der Junge.

Offensichtlich ist er schon länger als gedacht im Zimmer, offensichtlich hat er sich etwas umgesehen und offensichtlich hat er Hager eben erst entdeckt.

»Was machst du denn hier?«, fragt der Junge.

Vorsichtig bewegt er sich auf Hager zu, während er drei Finger in den Mund schiebt und beginnt, an den Nägeln zu kauen.

»Frierst du nicht?«, nuschelt er besorgt und setzt sich zu Hager. Hagers Wohnung befindet sich im Parterre, die wichtigen Fenster liegen zum Hinterhof. Über die gestapelten Kisten des Eisenwarenhändlers könnte man durch eines der Fenster in sein Zimmer gelangen, vorausgesetzt, es würde offen stehen. Hager überlegt. Ein Fenster steht offen. Da sind die Minusgrade hier kein Wunder.

»Also«, beginnt der Junge. Er streckt die Hand aus, um in Hagers Haar zu fassen. Es bricht. In kleinen Teilen fällt es zu Boden und zerspringt, so wie ein Kristall zerspringen würde. Es sieht wunderschön aus. Für eine Sekunde schweigen Hager und der kleine Junge andächtig. Dann sieht der Junge die Schüssel mit den Keksen auf dem Tisch.

»Lecker«, sagt der Junge und greift danach.

Die Kekse sind gefroren, weshalb der Junge sie vorsichtig lutscht. Während er lutscht, lässt er den Blick über Hager schweifen. Wer weiß, was er denkt. Hager hofft, dass der Junge ihn nicht noch mal berührt. Hager möchte gern im Ganzen gefunden werden. Eines Tages.

Nach einer Weile ist sich Hager sicher: Der Junge kann das Prinzip Tod nicht kennen. Dafür lutscht er viel zu lange viel zu gefasst an den Keksen, während er dem gefrorenen Hager gegenübersitzt. Um ehrlich zu sein, versteht auch Hager dieses Prinzip nicht. Tod. Sehr seltsam. Als der Junge begreift, dass von Hager keine Reaktion kommen wird, wird ihm langweilig. Er baumelt mit den Füßen in der Luft, fährt mit einem Finger die Muster der Küchentischdecke nach. Schließlich steht er auf. Wie selbstverständlich blickt er sich in der kleinen Wohnung um, streift mit den Händen über die Anbauwand, betastet gerahmte Fotos, öffnet Schränke und Schubladen, hinterlässt Fettfinger auf der Glasvitrine. Eine öde Wohnung, gerade für Kinder. So überrascht es Hager nicht, als der Junge ins Badezimmer verschwindet, um durch das offen stehende Fenster hinaus in den Hof zu klettern. Doch bevor er geht, dreht sich der Junge zu Hager um und ruft »Tschüssi«. Aus Gründen, die Hager noch nicht nachvollziehen kann, freut ihn das.

Hager hat Groschenromane geschrieben. Nahezu jeden Gedanken gab er in die ewig gleiche Wiederholung der ewig gleichen Geschichten. Für ihn blieb da nicht viel übrig. Die wenigen Eingebungen, die ihm ansonsten kamen, hat er nicht an Unnützes verschwendet. Hager war jemand, der beim Gehen die Hände auf Steißbeinhöhe hinter dem Rücken verschränkte. Der leise »hört, hört« flüsterte, wenn bei einer wichtigen Rede ein entscheidender Satz fiel. Hager hatte die Dinge gern unter Kontrolle. Und lernen müssen, wie unmöglich das ist. Dinge unter Kontrolle zu haben. Das ging nur in Groschenromanen. Oder in den eigenen vier Wänden. Deshalb beschränkte er Kontakte auf das notwendige Maß. Wie es aussieht, ist das notwendige Maß nun der Junge.

Drei Tage später taucht der Junge wieder in der Wohnung auf. Im Hof Kindergeschrei, Stimmen vor dem Stimmbruch, die sich keifend anfeuern, dumpfe Geräusche wie in einem Krieg, dazwischen ein helles Weinen. Dann poltert ein Körper ins Badezimmer, und schwere Winterschuhe treten auf das Laminat. Als der Junge zu Hager kommt, fischt er einen Schneeball aus dem Kragen. In seinen Augen schimmert Tränenwasser, die Haut ist rotfleckig, die Hose am Knie gerissen. Nur ein Handschuh baumelt einsam am Strick. Vorsichtig legt der Junge den Schneeball in der Spüle ab. Seinen Ranzen stellt er neben Hager.

»Ach, diese Jungs«, sagt er leise und schüttelt den Kopf.

In seiner Stimme hallt das helle Weinen nach. Doch er fasst sich schnell. Ihn scheint es nicht weiter zu sorgen, dass sich in den vergangenen Tagen an diesem Ort nichts verändert hat, nicht einmal die Position von Hagers Körper. Gemächlich, als habe er alle Zeit der Welt, kramt der Junge in den Schränken, die er beim letzten Mal ausgelassen hat. So dauert es nicht lange, bis er auf Hagers Modellautomobilsammlung stößt, die einzige Obsession, die sich Hager während seiner Lebenszeit geleistet hat. Ein kostspieliges Hobby, einzelne Exemplare kommen von weither und sind einen vierstelligen Betrag wert, weshalb sie sicher in einer festen Hartplastikhülle verwahrt sind. Eben diese Hartplastikhülle zerstört der Junge nun. Ungeduldig schlägt er sie auf, um schnell an die Autos zu gelangen. Seine wurstigen Kinderfinger greifen um die Miniaturausgaben längst zu Legenden gewordener Automarken, drehen an filigran gearbeiteten Lenkrädern, lassen die vulkanisierten Reifen über das Laminat sausen. Außenspiegel knicken, Lack zerkratzt. Hände zerbrechen Hagers Sammlung, aber es sind liebevolle Hände. Der Junge ist zufrieden. Er lacht. Aus seinem Gesicht sind die roten Flecken verschwunden. Erwartungsvoll dreht er sich um und sieht den gefrorenen Hager an.

»Bist du traurig?«, fragt der Junge.

Wenig überraschend, reagiert Hager nicht. Nachdenklich knabbert der Junge an seinen Fingern und will sich nicht mit der ausbleibenden Antwort zufriedengeben.

»Wenn du glücklich bist, dann bewege dich nicht«, sagt er schließlich.

Hager bewegt sich nicht. Der Junge lächelt.

»Bis morgen dann«, ruft er Hager im Gehen zu.

In Hagers Blickfeld liegt die zerstörte Modellsammlung. Kaum, dass es ihn stört.

Die Kälte bleibt. In der gefrorenen Eiswelt ist die einzige Bewegung der unbarmherzige Schneesturm. Hager denkt an die Geheimnisse, die er mit ins Grab nehmen wird. Die eigentlich schon genommen sind. Was wird man davon entdecken? Die wirklich abgründigen Geheimnisse kennt nur er. Aber es sind gar nicht mal so viele, wie es hätten sein können. Plötzlich erfasst ihn Melancholie. Warum hat er so wenig zu bereuen? Das ist wirklich schade. Jetzt wäre ein günstiger Zeitpunkt, die Bilanz seines Lebens zu ziehen. Er kann nicht. Stattdessen denkt er an den Jungen. Vielleicht bekommt ja jeder Tote seinen eigenen kleinen Jungen. Wie in dem Film. Was der Junge wohl sonst macht? Ob die schreienden Kinder im Hof seine Freunde sind? Wohl kaum. Warum geht er zu Hager, einem Fremden, der ihn komplett ignoriert? Vielleicht ist es ja das. Hager mischt sich nicht ein. Er hat sich noch nie eingemischt und ist gut damit gefahren. Ein problemloses Leben, ohne viel Schnickschnack. Nur Hager. Und jetzt der Junge. Hager muss sich eingestehen, dass er die Minuten zählt, bis der Junge wiederkommt.

Ein Gedanke schwebt zu ihm wie eine Fee in einer Seifenblase. Die Wochenzeitung. Auch wenn er ansonsten keine Post erwartet, müssten zwei Ausgaben der Wochenzeitung mittlerweile seinen Briefkasten verstopfen. Das wird auffallen. Man wird sich fragen, warum Hager ihn nicht leert. Jemand wird sich an der Unordnung im Hausflur stören und empört an Hagers Tür klopfen. Niemand wird öffnen. Das wird Fragen aufwerfen. Wird, wird, wird. Am Ende werden zwei Polizisten die Tür aufbrechen.

Während sich Hager diesen Überlegungen hingibt, setzt sich der Junge zu ihm an den Tisch. Er legt zwei zerknitterte Ausgaben der Wochenzeitung vor ihn hin.

»Für dich«, sagt er stolz.

Heute ist er früher gekommen. Vermutlich direkt nach der Schule. Seine Hose ist intakt. Heute ist er nicht auf der Flucht. Diesmal kommt er zu Besuch. Der Junge spielt ein wenig mit den Salzstreuern, bevor er sich wieder der Wohnung zuwendet. Hager verfolgt jede seiner Bewegungen genau. Das Tauwetter ist eine Sache. Der Junge eine andere. Er rührt ihn. Wie er durchs Zimmer streift, wie er die Bildbände aus den Regalen zieht, darin blättert, sich auf das Laminat setzt, in sich versinkt. Ganz so, als wäre er eins mit sich. Vielleicht ist er’s ja. Draußen schreien die Kinder, draußen brüllt der Sturm. Draußen. Sie sind drinnen. Wenn Hager könnte, würde er sich zurücklehnen und zufrieden die Hände hinter dem Nacken verschränken.

Schließlich passiert etwas Unerwartetes: Der Junge bringt was mit. Einen Karren, aus Holz gefertigt und mit einem Griff zum Ziehen. Auf dem Laminat quietschen die Räder. Hager ist enttäuscht. Enttäuscht von dem Jungen. Karren um Karren wird er mit Hagers Habseligkeiten beladen, plündern und rauben, was Hager im Laufe seines Leben für wertvoll erachtet hat zu besitzen.

Doch der Junge hat andere Pläne. Millimetergenau manövriert er den Karren an Hagers Stuhl. Dann drückt er Hager. Hager fühlt nichts, aber er merkt, wie er allmählich seine Position verliert. Die Schwerkraft wirkt. Hager plumpst auf den Karren. Haar bricht, ein Bein verkantet sich unglücklich, den Kopf verdreht es in eine bizarre Stellung. Hager wird panisch. Keine Kontrolle. Wenn er könnte, würde er reagieren. Irgendwie. Deutlich machen, dass dies nicht richtig ist. Doch da ist Hager schon auf dem Karren. Mit Mühe richtet der Junge ihn her, hebt Hagers Oberkörper an, klemmt die Beine zusammen, dreht den Kopf schief auf die Schulter. Der Karren scheint wie gemacht für Hager in seinem derzeitigen Zustand. Zufrieden pfeift der Junge eine unzusammenhängende Melodie und legt los. Der Karren saust über das Laminat. Hager klammert sich an den Rest Bewusstsein, der ihm noch bleibt.

Zum ersten Mal seit Wochen verlässt Hager die Wohnung. Dunkel und still liegt der Flur da, schwach nur fällt die fahle Januarsonne ins Haus. Die alte Frau nebenan wird auf den Essensdienst warten, die Wohngemeinschaften werden in diesem Moment erst erwachen. Energisch zieht der Junge den Karren bis an die Haustür. Die zwei Stufen davor passieren sie ohne besondere Vorkommnisse. Hager rutscht ein bisschen, aber das stört nicht weiter. Sie stehen auf der Straße. Autos fahren vorbei, Mütter tragen schwere Einkaufstüten, ein Hausmeister streut brummend Salz über das Gehwegeis, in der Ferne auf dem Spielplatz jagen Kinder einen wehrlosen Hund in den tiefen Schnee. Ein kleiner Junge, gekleidet wie eine geplatzte Hummel, sein Alter lässt sich schwer schätzen, zieht einen Karren, auf dem Hager hockt. Der Junge pfeift und strahlt diese seltsame Winterwelt an, während er den Karren zum Spielplatz zieht. Alles, was Hager bieten kann, ist ein Lächeln. Es ist gefroren. Dann schreien schon die Mütter, und Autobremsen quietschen, und das Salz des Hausmeisters verteilt sich im Schnee, wird ihn bald schmelzen.

 

 

 

2. Leseprobe

 

Außer Atmen

 

Wenn ich länger die Hand eines anderen halte, spüre ich dessen Herzschläge. Davon wird mir übel. Beim Tausendmeterlauf beginnt meine Hüfte schon nach vierhundert Metern zu stechen. Steine kann ich nur zweimal übers Wasser springen lassen. Ich spiele kein Instrument, nicht mal Flöte. Auf zwei fast gleichen Bildern finde ich immer nur neun der zehn Unterschiede. Auf Grashalmen kann ich nicht pfeifen. Wenn ich auf einer Mauer balanciere, stolpere ich nach wenigen Schritten. Ich kann auch keine Luftballons aufblasen. Oder freihändig Fahrrad fahren. Trotzdem bin ich etwas Besonderes. Ein Wunderkind, sagen sie. Meine Oma. Und Papa. Manchmal auch Mama. Sagen die Lehrer. Und seitdem die Kinder aus der Schule wissen, dass ich ein Wunderkind bin, nehmen sie mich nicht mehr in den Schwitzkasten, sondern mit zu ihren Freunden. Sie zeigen mich vor. Wie ein Maskottchen.

Oma arbeitet in einem Supermarkt hinter der Käsetheke. Als sie diesmal zurückkommt, ist es schon dunkel. Sie zieht sich nicht um, wir legen uns gleich in ihr Bett. Mein Kopf auf ihrem Bauch. Ihr Bauch bewegt sich kaum. Sie atmet flach. Ich greife nach ihrem kleinen Finger und schnuppere daran.

„Hartkäse“, sage ich.

Oma nickt. Bisweilen reibt sie ihre Finger an gebrauchtem Käsepapier. Das sind die besten Tage. Dann hat sie an mich gedacht. Ich nehme mir ihren Daumen vor. Er riecht säuerlich.

„Cambozola?“

Oma hat die Augen geschlossen. Sie murmelt etwas, das ich nicht verstehen kann.

„Cambozola“, wiederhole ich mit lauter Stimme.

„Ja ja“, antwortet sie.

Sie winkelt ihr rechtes Knie an. Über ihrer Haut spannt sich eine Strumpfhose. Darunter schimmern blaue Äderchen. Schnell blicke ich weg und führe ihren Zeigefinger an meine Nase.

„Weiß nicht“, sage ich.

Oma streichelt über meinen Kopf. In meinem Haar fängt sich der Geruch von Käse.

„Ist nicht so schlimm“, sagt sie und streckt mir den nächsten Finger hin.

Ich hätte gern einen kleinen Bruder. Meine Eltern haben dahin gehend noch nichts unternommen. Also habe ich ihnen gesagt, wie gern ich einen Hund hätte. Sie haben gelacht und mir einen Goldfisch geschenkt. Papa meinte, das wäre Goldi. Der Name passt überhaupt nicht. Der Fisch ist schon älter und seine Schuppen sehen nicht mehr gol- den aus, sondern silbern. Also müsste er Silbi heißen. Welcher Fisch heißt schon so? Ich habe ihn Mürrisch genannt. Meistens wühlt er mit seinem Maul in den Kieselsteinen, verschluckt einen und spuckt ihn später gelangweilt aus. Ich habe nachgelesen. „Gründeln“ heißt das. Fische gründeln lieber im Sand, aber im Aquarium ist kein Sand, deshalb gründelt Mürrisch mit Kieselsteinen. Mürrischs Aquarium steht unter dem Fenster der Dachschräge. Manchmal spiegelt er sich in der Scheibe. Dann sieht es so aus, als würde er zwischen Wolken schwimmen. Wenn ich nah ans Aquarium gehe, ist mein Kopf vollkommen von Wasser umgeben.

Die Kinder in der Schule wollen ein Autogramm, sie haben mich im Fernsehen gesehen. Auf dem Schulhof bestürmen sie mich. Sie holen karierte Blöcke aus ihren Ranzen und geben mir ihre Füller.

„Dein Name, hierhin“, befehlen sie.

Sie wollen mein Autogramm verkaufen. Manche wollen auch wissen, wie es war. Im Fernsehen.

„Geht so“, sage ich.

Wir waren in einer großen Halle in einer fremden Stadt. Oma habe ich von der Bühne aus nicht gesehen. Papa und Mama saßen in der ersten Reihe. Sie haben in die Kamera gewunken. Thomas Gottschalk hat mich ge- fragt, ob ich jemanden grüßen will. Mir ist niemand eingefallen. Alle im Saal haben gelacht. Auch Thomas Gottschalk. Danach hat er mich zu meiner Patin geführt. Sie war groß und blond und dünn und eine Frau. Sie drückte mich gegen ihren Busen. Er roch nach Flieder. Der Baggerfahrer nach mir hatte Philipp Lahm als Paten. Ich erzähle den Kindern, wie neidisch ich auf den Baggerfahrer war.

Papa kneift in meinen Bauch. Er reibt die Wülste zwischen seinen Händen.

„Du bist ja ein ganz schöner Specki“, sagt er, „wie ein kleines Schweinchen, mit Kruste.“

Ich sage ihm, er soll damit aufhören. Er lacht und knetet mein Fett. Er arbeitet jetzt nicht mehr so viel, weil er lieber mit mir zusammen sein will. Er nennt sich Trainer und mich sein Trainingskind.

Papa sagt, dass es gut war, in der Sendung gewesen zu sein. Jetzt können wir mehr Geld verlangen.

„Jemand, der im Fernsehen war, den wollen die Leute sehen.“

Er hält eine Karte hoch und zeigt, wohin wir an den nächsten Wochenenden fahren werden. Mama ist nicht dabei, Oma auch nicht. Nur Papa und ich. Er hat mir von meinem Geld einen Gameboy gekauft. Damit kann ich auf den langen Autofahrten spielen.

„Du musst viel mehr trainieren. Es gibt noch Kinder, die besser sind als du.“

Er massiert meinen Speck.

„Und Süßigkeiten sind auch verboten.“

Eine Frau stellt mir Fragen. Sie hat eine Sonnenbrille mit riesigen Gläsern in ihre Haare geschoben. Ich behaupte dies und das und versuche, nicht viel darüber nachzudenken, weil meine Sätze sonst zu lang werden würden. Die Frau mag keine langen Sätze. Der Mann mit der Kamera auf der Schulter kniet vor mir. Wenn ich ihn anlächle, winkt die Frau hektisch und ich muss von vorn beginnen. Als wir später zu einem Doktor gehen, beobachte ich, wie die Frau läuft. Weil sie sehr kleine Schritte macht, braucht sie viele Schritte. Ich laufe von links nach rechts und von rechts nach links und erst so spät wie möglich geradeaus. So dauert es länger, bis ich irgendwo ankomme. Der Doktor tut so, als untersuchte er mich. Er drückt mit seinen Händen auf meinen Bauch. Er leuchtet in meine Ohren und steckt einen Holzspatel in meinen Mund. Er verhält sich wie ein Doktor. Immer wieder schaut er nach der Kamera. Die Frau fragt ihn, was ich bin. Er sagt, ein Phänomen. Wissenschaftlich nicht zu erklären. Ein Wunderkind. Die Frau nickt zufrieden. Der Mann schaltet die Kamera ab. Der Doktor lächelt die Frau an. Ich knöpfe mein Hemd zu

An einem Donnerstagnachmittag werfe ich Mürrisch in die Toilette. Er kreist im Wasser und versucht zu gründeln. Im Klo gibt es nichts zu gründeln. Ich drücke auf die Spülung. Bis er aus den Wasserrohren entkommen ist, wird er wahrscheinlich tot sein. Aber nur wahrscheinlich.

Vielleicht schafft er es ja trotzdem. Ist jedenfalls besser, als in der Wohnung zu sein. Jetzt ist Sommer. Unter dem Dach staut sich die Hitze. Das Wasser im Aquarium ist heiß. Ich hab’ versucht, Eiswürfel hineinzuwerfen. Wegen meiner Auftritte bin ich seltener hier. Und von Oma kann ich nicht verlangen, sich neben dem Käse und um mich auch noch um Mürrisch zu kümmern. Vielleicht kommt er ja durch. Ich klappe den Deckel runter und wünsche ihm viel Glück.

Im Sportunterricht sind wir in der Schwimmhalle. Die ganze Klassenstufe. Jungen und Mädchen. In der Umkleidekabine sehen die Jungs meinen Busen. Sie rufen: „Das ist ja ein Busen!“ Sie kommen zu mir und drücken ihn zusammen. Ich verschränke die Arme vor meiner Brust, doch sie lachen nur. Ihre Hände drücken weiter. Sie sind kalt und trotzdem klebrig. Dann müssen wir ins Wasser springen und schwimmen. Die Lehrer lassen sich zeigen, was ich kann. Jeder will das sehen. Ständig kommt jemand, der mich noch nicht kennt. Der Bademeister, die Putzfrauen, die Lehrer. Die lassen nicht locker. Die anderen Kinder spielen währenddessen Wasserball. Als der Unterricht vorbei ist, sitze ich am Beckenrand und bin außer Atem.

Obwohl draußen noch die Sonne scheint, bin ich schon im Schlafanzug. Ich liege auf meiner Matratze im Flur und fahre mit den Fingern nachdenklich über die Tapete. Die Blümchenmuster tragen den Schmutz meines Lebens. Er steigt empor, jeden Tag ein kleines bisschen mehr, und lagert sich ab. Der Schmutz ist ein großer Teil von mir; Hautschuppen, Haare, alles Mögliche, was mein Körper abgeworfen hat. Vielleicht bin ich das ja. Der Schmutz bleibt in der Tapete. Ich frage mich, wie viel von Oma in den Mustern steckt. Sie hat noch nicht immer hier gewohnt, aber lange genug. Manchmal erzählt sie Geschichten, an denen man merkt, wie alt sie ist. Sie hat mehr Kuchen gebacken als jeder andere Mensch, den ich kenne. Schon bevor ich geboren war. Ich strecke die Hand aus. Nach einer Sekunde fängt sie an zu zittern. Ich versuche das mehrmals, stets mit dem gleichen Ergebnis. Gerne würde ich alle bitten, ihre Hände auszustrecken. So könnte ich sehen, ob das normal ist.-

Draußen sind die Kinder. Sie werfen Stöcke gegen Wände, beschmeißen sich mit Dreckserde und vertreiben andere Kinder von der Wiese am Fluss. Ich sitze am Tisch und addiere Zahlen. Das Geld, das ich bisher verdient habe. Die Summe ließe sich durch vier teilen. Ich werde Papa etwas geben und Mama und von dem Rest Oma dafür bezahlen, dass sie nicht mehr hinter der Käsetheke arbeiten muss. Auf diese Weise wäre sie andauernd in der Wohnung. Sie würde kochen, wenn ich von der Schule komme, und sie könnte ihre Lieblingsfernsehserie am Nachmittag sehen. Zufrieden schiebe ich den Bleistift zurück in die Federtasche und stecke meine rechte Hand unter meine linke Achselhöhle. Und pumpe mit dem Arm. Es wäre schön, wenn dabei ein Geräusch entstehen würde, das wie ein Furz klingt. Doch ich höre nur Luft. Ich probiere es etwa zehn Minuten lang, bis mir einfällt, dass Papa bald kommt. Er mag es, wenn ich mit dem Training schon begonnen habe. Also gehe ich ins Badezimmer und lasse Wasser in die Wanne. Aus einer Plastikflasche gieße ich Schaum dazu. Er wächst und wächst. Ich tue so, als wäre ich ein Orkan, und blase Löcher hinein. Eine Minute später zieh’ ich mich aus und setze mich in die Wanne. Wasser schwappt über den Schaum und Schaum über den Rand auf den Boden. Ich halte still, Wärme läuft durch meinen Körper. Ich schiebe den Schaum zur Seite und knie mich in die Wanne. Öffne den Mund und sauge Luft ein. Beuge mich vor, bis mein Gesicht nur noch ein Schatten ist. Meine Haarspitzen malen Kreise auf der Wasseroberfläche, meine Nase wirft Wellen. Ich rieche das Wasser, das Chlor, den Schaum. Als ich untertauche, wird augenblicklich fast alles still. Luftblasen steigen auf. Wasser verschließt meine Ohren wie Pfropfen. Trotzdem brummt dort leise eine Maschine und verteilt ihre Schwingungen über meinen Körper. Ansonsten höre ich nur Plätschern. Mein Rücken ragt aus dem Wasser, und meine Haare treiben wie Lianen auf dem Schaum. Die erste Minute vergeht. Meine Finger tasten über den Badewannenboden. Hier und da ist etwas abgeblättert. Die Stücke fühlen sich scharf an. Vor meinen Augen schwirren Lichtpunkte. Hier kann ich alles. Außer atmen. Die dritte Minute bricht an. Ich weiß das genau. Ich zähle die Sekunden mit. Ein Brennen läuft von der Nase in meine Wirbelsäule. Ich muss den Kopf gerade halten. Andernfalls verteilt sich das Wasser ungleichmäßig und die Luft wird knapp. Ich denke an ein Lied, das ich heute Morgen im Radio gehört habe. Jetzt ist kein Training, jetzt ist nur Spaß. Also darf ich die Melodie summen. Ich öffne meinen Mund. Sofort strömt Wasser in mich hinein. Die Melodie blubbert aus mir heraus und wandert in der Badewanne umher. Es klingt, als wäre noch jemand mit mir in der Wanne. Da höre ich ein dumpfes Geräusch. Erschrocken verschlucke ich Wasser und merke, wie ich husten muss. Die vierte Minute ist vorbei.

Als ich durch den Schaum hindurch auftauche, ist Papa im Raum. Aus dem Wohnzimmer hat er einen Stuhl mitgebracht. Eine Zeitung auf seinen Knien, in der Hand eine Stoppuhr. Er trägt ein Shirt, auf dem mein Gesicht abgebildet ist. Darunter steht die Zeit, die ich letzte Woche geschafft habe.

„Jetzt mal mit“, sagt er und deutet auf die Schwimmbrille, die am Rand der Wanne liegt.

Weil die Brille feucht ist, glitscht sie ins Wasser. Ich will danach greifen. Papa treibt mich ungeduldig an

„Beeil dich“, sagt er.

Er drückt einige Knöpfe auf der Uhr. Ich ziehe die Brille über mein Gesicht. Jetzt sieht die Welt um mich herum aus wie ein Aquarium

„Wir haben einiges vor. Du musst viel mehr schaffen.

Du kennst doch unser Ziel?“

Ich nicke. Das Ziel. Eine bessere Zeit. Papa setzt sich bequem hin. Von meinen Haaren tropft Schaum. Aus meiner Nase schießt Rotze. Ich wische mit dem Arm über mein Gesicht.

„Luft holen“, befiehlt Papa.