Sieglinde Mörtel
Sieglinde Mörtel

Schrödingerstraße 51

07745 Jena

(0173) 3853337
(03641) 2174986
(03641) 2174987
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Biografisches

Die Autorin ist 1960 geboren und aufgewachsen in Hummelshain. Von 1986 - 1996 als Redakteurin und Redaktionsleiterin Betriebs-, Wochen-, Tageszeitung, Illustrierte tätig. Seit 1996 freiberufliche Autorin. Schreibt überwiegend Geschichten aus Mitteldeutschland, 20. Jahrhundert. Sieglinde Mörtel ist Mutter von zwei Kindern und hat drei EnkelIm Jahr 2007 erhielt sie ein Literaturstipendium des Thüringer Kultusministeriums zur Förderung der Geschichtenreihe "Erzähl mal von früher – Geschichten, die in keiner Chronik stehen". Die Autorin ist Mitglied im Verband Deutscher Schriftsteller, im Verein für Thüringer Volkskunde e.V. und im Journalistenverband.

Bibliographie

"Brottasche, Turnbeutel, Rechenschieber – Thüringer Schulgeschichten" (Mitautoring und Herausgeberin), Welkenverlag 2015.

"Kuba-Orangen und Goldbroiler" – Geschichten und Anekdoten aus Jena ( S. Mörtel / St. Laudien), Wartberg Verlag, 2014.

"Goethes Stern" (Mitautorin), Hrsg. Landratsamt SHK, Lemm-Verlag, 2012.

"Thüringer Weihnachtsgeschichten" (S. Mörtel / M. Gebauer), Wartberg Verlag, 2012.

"Kulturelle Entdeckungen in Thüringen" (Mitautorin), i.A. der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen, Verlag Schnell & Steiner, 2011.

"Abenteuer Saaleland", Auf Erkundungstour rund um die Leuchtenburg, Welkenverlag, 2011.

In der Reihe "Erzähl mal von früher – Geschichten, die in keiner Chronik stehen"sechs Publikationen über Kahla, Hummelshain und Umgebung, WelkenVerlag, 2006 bis 2010.

"Bitte hinten anstellen", Geschichten und Anekdoten aus Thüringen, Wartberg-Verlag 2009.

"Aufgewachsen in der DDR" (Mitautorin), Wartberg-Verlag, 2008.

Themenangebot

Lesungen für Kinder von 6 bis 14 Jahren zu den Themen:

"Wie war das früher" und "Schule früher"

Lesung in Mundart (Ergänzend zum Thema im Deutsch-Unterricht, 8. Klasse)

Leseprobe

Aus: „Brottasche, Turnbeutel, Rechenschieber“)

 

Gib mir dein Mitteilungsheft!

Fräulein Grenda schreitet die Bankreihen ab, um die Hausaufgaben im Fach „Schönschreiben“ zu kontrollieren. Sie ist schon ein betagtes Fräulein, das seit der Neulehrer-Zeit zum Inventar unserer Dorfschule gehört.

Es herrscht Stille im Raum, während sie rote und blaue Häkchen in den Heften verteilt. Rot ist gut, blau schlecht, schwarz ist ganz schlecht. Mir ist noch viel schlechter als schwarz! Ich habe weder gute noch schlechte Hausaufgaben vorzuweisen sondern gar keine. Wir hatten gestern Kohlen gekriegt, und beim Wetteifern, wer die meisten Eimer in den Keller schleppt, hatte ich die Hausaufgaben völlig vergessen. Das soll sich jetzt rächen.

Häkchen für Häkchen nähert sich Fräulein Grenda meiner Dreier-Bankreihe, während ich pausenlos im Ranzen krame und auf ein Wunder hoffe. Schließlich steht sie vor mir. Verzweifelt starre ich auf ihren braunen Wollrock, ihre huckligen Waden und ihre verbeulten polierten Schuhe. Den Blick nach oben, auf ihre gemusterte Bluse mit silberner Brosche, wage ich nicht. Weil das erhoffte Wunder ausbleibt, stottere ich kleinlaut: „Ich hab mein Heft daheim vergessen.“

Doch was passiert? Die gefürchtete Reformante bleibt aus. Fräulein Grenda lächelt milde und sagt: „Na dann geh mal schnell heim und hole dein Heft.“ Jetzt wird mir noch viel schlechter! Warum muss ich auch ausgerechnet neben der Schule wohnen.

Drei Minuten später sitze ich zu Hause am Küchentisch und male drei Zeilen voller Mias, Mamas und Mimis. Zum Glück hatte ich noch ein neues Schreibheft, denn mein Hausaufgabenheft steckt ja dummerweise im Ranzen. Ebenso wie die Federmappe mit meinem Füller! Das alles liegt, von Fräulein Grenda bewacht, unter der Bank. Aber pfiffig wie ich bin, greife ich zu einem genialen Trick: Ich nehme aus dem Küchenschrank den Kopierstift. Der ist eigentlich für unsereins verboten, weil er nämlich – wenn man daran leckt – giftig sein soll. Ich lecke nicht daran, sondern nehme nach getaner Arbeit den feuchten Aufwaschlappen und betupfe mein Werk. Es ist wie Zauberei, wenn sich das Grau plötzlich in Lila verwandelt. Mit dem Föhn trockne ich das Papier und schon ist alles erledigt.

Ha!“, denke ich, „das hast du aber gut hingekriegt.“ Siegesgewiss kehre ich in meinen Klassenraum zurück und präsentiere stolz meine Hausaufgaben. Fräulein Grenda lächelt jetzt nicht mehr. „Warum hast du ein neues Hausaufgabenheft? Deines war nicht mal halbvoll.“ Ich erkläre, dass ich mein altes Heft mit Muckefuck bekleckert hätte und deshalb ein neues kaufen musste.

„Und warum hast du nicht mit Füller geschrieben sondern mit Kopierstift?“ Ich streite, das sei ein spezieller Füller, einer aus dem Westen. Natürlich weiß sie, dass wir gar keine Westverwandtschaft haben. Aber sie spielt einen viel wirksameren Trumpf aus: „Ist dir überhaupt klar, dass wir nicht mehr beim Schönschreiben sondern längst in der Heimatkunde-Stunde sind?“

Was? Heimatkunde? Jetzt? Bevor ich begreife, geht das Verhör weiter. „Wieso hast du eine Dreiviertelstunde gebraucht, um dein Heft zu holen?“ Ich stehe neben meiner Bankreihe und Fräulein Grenda erbarmungslos vor mir. Sie starrt mich ebenso erwartungsvoll an wie meine 13 Klassenkameraden. Ich erzähle, dass zuerst der Wohnungsschlüssel geklemmt habe, dann die Klospülung nicht aufhörte zu spülen und dummerweise, als ich gerade gehen wollte, auch noch die Katze in die Küche gepinkelt hätte, und dann ...

Weiter komme ich in meinen Ausführungen nicht, denn einige Klassenkameraden fangen an zu lachen. Schon knallt die Lehrerinnenhand auf meine Bank; so heftig, dass die Blechdeckel, die die Tintenfässer vormaliger Schülergenerationen vorm Austrocknen schützten, klappern. „Gib mir sofort dein Mitteilungsheft!“

Mir geht es durch und durch. In meinem Mitteilungsheft stehen bisher nur rote Einträge. Ich will keinen blauen! Und ich stottere: „Das hab ich daheim vergessen.“ Ich hatte es kaum ausgesprochen, schon ist mir klar, dass dies ein fataler Fehler war. Ich weiß, was jetzt kommt. Sie will mich an meinen Koteletten ziehen, doch meine Haare sind zu kurz. Sie packt nach meiner Wange um die Haut zwischen Daumen und Zeigefinger herumzudrehen, doch auch dieses Manöver misslingt, weil ich recht pausbäckig bin. Der Griff an mein Ohr beschert ihr schließlich den erhofften Erfolg. „Wirst du wohl zugeben, dass du deine Hausaufgaben nicht gemacht hast!“ Sie zieht und rupft an meinem Ohr und fordert: „Wirst du wohl zugeben ...“ Ich stehe auf den Zehenspitzen, sie zerrt erbarmungslos und ich gebe alles zu. Nun endlich lässt sie mein malträtiertes Ohr los.

Fräulein Grenda greift sich meinen Ranzen, angelt mein kleines blaues Mitteilungsheft heraus und holt ihren schwarzen Stift vom Lehrertisch. Sie schaut mich an, schweigt, wiegt den Kopf und ... nimmt den blauen.

Ganz fest beschließe ich, niemals wieder die Hausaufgaben in Schönschreiben zu vergessen. Oder mir notfalls eine bessere Ausrede auszudenken.

Im Mitteilungsheft stand „Hausaufgabe fehlt“. Nichts von meiner Schwindelei, nichts von versäumter Unterrichtszeit. Und meinen Eltern hat sie auch nie etwas davon erzählt, wenn sie sich im Dorf begegneten.