Jens-Fietje Dwars
Jens-Fietje Dwars

07749 Jena

(0176) 65603426
(03641) 820239
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www.dwars-jena.de
1. Klasse, 2. Klasse, 3. Klasse, 9. Klasse, 10. Klasse, 11. Klasse, 12. Klasse

Biografisches

Geboren 1960 in Weißenfels. Nach Philosophiestudium in Wroclaw (Polen), Berlin und Jena Germanistikassistent. Seit 2000 freier Schriftsteller, Buchgestalter, Film- und Ausstellungsmacher. Chefredakteur der Thüringer Literaturzeitschrift "Palmbaum", Herausgeber und Gestalter der Edition Ornament und der Weißen Reihe im quartus-Verlag.

Auszeichnungen

u.a. Adolf-Grimme-Sonderpreis, 2001 und 2004.

Bibliographie

12 Bücher verfasst, über 20 herausgegeben, darunter:

"Die Perücke" und "Einmaleins der Reimerei", Anthologie "Paula in der Aula", Hrsg. FBK für Thüringen e.V., dorise-Verlag 2010.

"Das Weimarische Karneval. Anmerkung zu Goethe & Co.", quartus-Verlag Buch, 2008.

"Charivari. Essays, Glossen und andere Merkwürdigkeiten", Wartburg-Verlag Weimar, 2008.

"Und dennoch Hoffnung. Peter Weiss", Aufbau-Verlag Berlin, 2007.

"Die alte Kuh und das Meer. Geschichten aus einem abgelegten Land", quartus-Verlag Bucha, 2006.

"Neue Briefe zur ästhetischen Erziehung. Ein Gespräch mit Schiller", quartus-Verlag Bucha, 2005.

"Mit Lichtbehagen. Der Jenaer Goethe", quartus-Verlag Bucha, 2003.

"Wo liegt Kaisersaschern? Nietzsches mitteldeutsche Herkunft", mit Kai Agthe.

"Johannes R. Becher. Triumph und Verfall", Aufbau Taschenbuch Verlag Berlin, 2003.

"Zarathustras letzte Wiederkehr", quartus-Verlag Bucha, 2000.

 

Drehbücher

Filmporträts über Johannes R. Becher (2000) und Peter Weiss (2003)

 

Buch und Regie

"Auf der Suche nach Freiheit. Schiller in Thüringen" (2009).

"C'est la guerre. So ist der Krieg. Jena-Auerstedt 1806" (2006).

"Jahre der Wandlung. Schiller" (2005)

 

Ausstellungen

u. a. Gedenkstätten für Nietzsche (Röcken) und Menantes (Wandersleben).

Themenangebot

Märchen und Geschichten für Klasse 1-3.

Mit Büchern und Filmen fachübergreifende Projekte ab Klasse 9:
"Den Klassikern vom Sockel helfen: Goethe & Schiller in ihrer Zeit"
"Die Gretchenfrage: Wie hielt es Goethe mit der Religion, den Frauen und einer Kindsmörderin in Weimar?"
"Vom Junkie zum Kulturminister: Johannes R. Becher – ein Exempel für Hoffnungen und Irrwege von Dichtern im 20. Jahrhundert"
"Unsagbares Leid sagbar machen: "Die Ermittlung" von Peter Weiss. Eine Annäherung an Auschwitz"
"Die Lüge der Wahrheit: Nachdenken mit Nietzsche"

"Die alte Kuh und das Meer", Geschichten aus der (Ex-) DDR. Für Leser ab Klasse 10.

Illustrationsworkshop: Wir machen unser eigenes Buch – vom Schreiben übers Illustrieren bis zum Binden. Mit Einführung: Was ist ein schönes Buch? Für Schüler ab Klasse 8.

Leseprobe

Ha-Chi, der Zauberer

Hinter sieben mal sieben Bergen, am Rand eines riesigen Reiches, lebte dereinst ein kleiner Junge von zarter Gestalt. Er war der Sohn eines armen Bauern, der nichts besaß als eine winzige Hütte. Und doch sagten die Leute im Dorf, er habe eine besondere Gabe. Denn nie sah man ihn ohne ein Lächeln auf den Lippen. Ein bezauberndes Lächeln nannten es die Dorfältesten und riefen den Jungen immer öfter in ihre Beratungen, wenn sie sich selbst keinen Rat mehr wussten. Kaum hatte er mit seinem Lächeln die Schwelle überschritten, wurde ihnen leicht ums Herz und die schwierigsten Fragen lösten sich wie von allein.

Aus den umliegenden Dörfern kamen die Kranken und baten um ein freundliches Wort. Die Traurigen und Mutlosen sahen ihm ins Gesicht und kehrten voller Hoffnung heim. So sprach sich die Kunde von der heilenden Kraft seines Lächelns von Provinz zu Provinz herum und trug sie der Wind über die sieben mal sieben Berge bis nach Beijing, in die Hauptstadt des Reiches. Ein großer Zauberer sei in dem kleinen Jungen verborgen, sagten die Ratgeber des Kaisers und beschworen ihn, den Knaben in seinen Palast zu rufen.

Wie ist sein Name, fragte der Kaiser. Ha-Chi, antworteten die Mandarine, und verbeugten sich so tief sie nur konnten. Wie alt ist das Kind? Sieben Jahre, flüsterten die Ratgeber und drangen zur Eile, weil der Weg in sein Dorf beschwerlich war. So sei es denn, sagte der Kaiser, und entsandte einen Hofbeamten, den Jungen zu holen.

Die schnellsten Läufer trugen den Beamten in seiner Sänfte über die sieben mal sieben Berge, und dennoch brauchten sie sieben Jahre dafür. Alt und ergraut starb der Beamte ohne Gram in den Armen des Jungen, lächelnd, als habe er das Ziel seines Lebens erreicht. Aus dem Jungen aber war indes ein Jüngling geworden. Froh folgte er dem Ruf des Kaisers, da es ihn schon lange in die Welt hinaus zog. Nur, daß andere ihn tragen sollten, wollte Ha-Chi nicht gefallen. Ob er sie beleidigen wolle, fragten ihn die Läufer, die stolz waren auf ihre Arbeit. Oh nein, entgegnete der Jüngling, der nicht anders als freundlich sein konnte, und so ließ er sich in seiner Sänfte sieben Jahre lang über die sieben mal sieben Berge bis in den Palast des Kaisers tragen, schaukelnd und schwankend wie in einem winzigen Boot, das die Wellen des Ozeans wundersam durchquert.

Der Herrscher hatte lange auf ihn gewartet, nun war er überrascht, daß ihm ein junger Mann von 21 Jahren entgegen trat. Als aber Ha-Chi zu lächeln begann, da erkannte der Kaiser das Kind, von dem ihm so viele berichtet hatten. Auf sein Zeichen hin trat aus dem Hintergrund des Saales ein Greis hervor. Das Alter hatte seinen Rücken gekrümmt und mit dürren Fingern strich er über einen langen grauen Bart. Das ist mein Hofzauberer Lei-Wan, sagte der Kaiser, er soll dich alles lehren, was er weiß, damit du schon bald sein Nachfolger wirst. Neugierig freute sich Ha-Chi auf die Weisheiten des Zauberers. Um so größer war seine Enttäuschung: Lei-Wans Künste waren vollkommen, allein sie bestanden in der Fertigkeit seiner Finger, die mit seltenem Geschick die schwersten Übungen kinderleicht beherrschten. Sim-sala-bim, sagte er, zog eine vorhergesagte Karte, holte einen Blumenstrauß aus dem Ärmel oder ein Kaninchen aus dem Hut. Seine Vorstellungen waren der Höhepunkt vieler Feste am Hof und selbst der Kaiser bestaunte sie mit offenem Mund – wer sie jedoch nur einmal durchschaut hatte, für den war ihr Zauber verflogen.

Ha-Chi gab sich alle Mühe, die Kunststücke zu erlernen und mit der Zeit waren die Bewegungen seiner Finger auch fast so geschmeidig wie die des Meisters. Aber freuen konnte er sich nicht daran. Und das war das Schlimmste, daß nun auch sein Lächeln zur Kunst erstarrte, zu einer Maske, die er sich aufsetzen musste, damit er den Zuschauern nicht die Freude an seiner Zauberei verdarb. Je mehr Spaß der Kaiser an den Gaukelkünsten hatte, die er nun immer öfter aufführen sollte, desto trauriger wurde Ha-Chi, weil er in den leuchtenden Augen der Menschen ihren brennenden Wunsch las, er möge sie wieder und wieder mit immer neuen Tricks betrügen.

Eines Nachts, als er wieder einmal nicht schlafen konnte, weil sein zweifelndes Herz ihm keine Ruhe gab, strich er durch die kaiserliche Bibliothek. Schon lange war sie sein Lieblingsraum in dem endlosen Palast. Die tausend und abertausend Bücher ringsum steckten voller Geschichten und schienen ihm weit geheimnisvoller, als seine armseligen Fingerspiele, die von allen bewundert wurden. Die dicksten Bände hatte er schon in sein Zimmer entführt und so oft er nur konnte, las er darin. Mit Helden, die so waren, wie er selbst sich als Kind in seinen Träumen sah, zog er in ferne Länder und bestand die gefährlichsten Abenteuer. Wenn er dann am Ende eines Buches wieder in den Palast zurück kehrte, wurde ihm, trotz des sorgenfreien Lebens, das er in all dem Überfluß führte, ganz elend ums Herz und er wünschte sich, ein Wunder würde ihn erlösen. Da fiel ihm in dieser Nacht ein schmales Bändchen in die Hände. Ganz oben, hinter einer Reihe dicker Bücher, hatte es sich versteckt und war von Spinnenweben und dem Staub vieler Jahre bedeckt.

Vorsichtig barg er den kleinen Schatz, der ihn heimlich unheimlich angezogen hatte wie ein Magnet. Er blies den Staub von seinem ledernen Einband, strich zärtlich mit den Fingern darüber und öffnete das Buch: „Magie aller Zeiten“ stand auf der ersten Seite. Ha-Chi nahm an einem der Tische Platz, von denen wohl hundert in der riesigen Bibliothek standen, und las sogleich im Schein der Laterne, die er mitgebracht hatte. Zauberspruch an Zauberspruch stand mit zierlichen Schriftzeichen säuberlich auf die Seiten des Buches gemalt. Ha-Chi sog die Zeichen auf, wie ein Hungernder, der nach Tagen zum erstenmal eine Mahlzeit erhält: gierig stopfte er sie in sich hinein, wahllos und ohne das geringste zu schmecken.

Irgendwann war die Kerze in seiner Laterne erloschen und er selbst eingeschlafen. So fand ihn der alte Hofzauberer, der den kürzesten Schlaf hatte und morgens als erster durch den Palast zog. Lei-Wan nahm das Buch und lachte mit piepsender Stimme: Die Magie aller Zeiten, daß es das noch gibt. Der reinste Aberglaube, eine Schande für die Bibliothek des Kaisers, der sich rühmen darf, ein aufgeklärter Herrscher zu sein. Ich werde meinen Ofen damit heizen, dann ist das Machwerk noch für einen Tee nütze. Ha-Chi, der gerade erwacht war, wollte seinen Lehrmeister aufhalten, das Buch zurück erbitten, doch wie gelähmt sah er den alten Mann davon ziehen, denn er wusste, daß seine Bitte bei ihm nur auf taube Ohren stoßen würde. Den ganzen Tag über zermarterte sich Ha-Chi sein Hirn, er grübelte und grübelte, doch kein einziger Zauberspruch wollte ihm einfallen. Viel zu hastig hatte er die Seiten überflogen, um nur ein einziges Zeichen in seiner Erinnerung aufzubewahren. Für den Abend hatte der Kaiser eine besonders aufwändige Zaubernummer bestellt. Der König eines benachbarten Reichs war zu Gast und den wollte man nach allen Regeln der Kunst beeindrucken. Lei-Wan, der die Aufführungen längst dem Schüler überließ, weil seine eigenen Finger durch die Gicht ihre Beweglichkeit verloren hatten, übernahm selbst die Vorbereitungen, zumal Ha-Chi die Bedeutung des Abends nicht zu begreifen schien und wie ein Traumwandler durch den Tag ging. Als die Sonne hinter den Bergen blutrot verschwand, füllte sich der kaiserliche Palast mit unzähligen Gästen, die aus Nah und Fern kamen, um den König des Nachbarreichs zu sehen. Der saß neben dem Kaiser in der ersten Reihe und lächelte in Erwartung der Kunststücke, für die der Hof bei Beijing weit und breit berühmt war. Auf einen Gong hin loderten Flammenschalen links und rechts einer kleinen Bühne auf, auf der Lei-Wan und Ha-Chi plötzlich erschienen. Schon der überraschende Auftritt entlockte den Gästen ein unwillkürliches Ahhh des Erstaunens und die Stille, die darauf folgte, war von einer knisternden Spannung geladen. Der Meister gab seinem Schüler ein kaum wahrnehmbares Zeichen und die Vorstellung begann. Es lief alles wie immer, denn sie waren über die Jahre so gut eingespielt, daß sie die Tricks auch mit verbundenen Augen hätten aufführen können. Und so staunten und lachten die Gäste auch wie immer, an den Stellen, an denen sie staunen und lachen sollten.

Nur kurz vor dem Finale, vor der letzten Nummer, die sie mit einem Feuerwerk beenden wollten, wäre Ha-Chi fast eine Karte zu Boden gefallen. Keiner hatte den kleinen Fehler bemerkt, nur Lei-Wan sah daran, daß irgend etwas in seinem Schüler vorging. Und tatsächlich hatte ihn in genau diesem Augenblick eine Erinnerung heimgesucht, wie ein Blitz war ein Zeichen, ein Zauberspruch für eine Sekunde vor seinem inneren Auge aufgezuckt. Als der Meister sein „Sim-sala-bim“ sprach, da murmelte der Schüler die Worte „Horror, Horror Vacui“, das Licht erlosch, der Gong ertönte und im nächsten Moment, da die Flammen in den Schalen wieder aufloderten, war Ha-Chi verschwunden. Der Zauberlehrling hatte sich in Luft aufgelöst. Nur sein Lachen war noch, wie ein fernes Echo, zu hören. Es war das Lachen des Kindes, das der Kaiser vor vielen Jahren über sieben mal sieben Berge an seinen Hof bringen ließ.

Und wenn er nicht gestorben ist, dann fliegt der Zauberer Ha-Chi noch immer durch die Lüfte. Drum gebt fein Acht, daß ihr nach dem Einatmen das Ausatmen nicht vergesst. Denn er spielt gern mit kleinen und großen Kinder. Doch keine Angst: Wer ihn aus Versehen mit der Luft eingesogen hat, den kitzelt er in der Nase, so daß ein jeder kräftig niesen muß und dabei seinen Namen ruft: Ha-Chi!