Anne Büttner
Anne Büttner

Berlin

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anne-buettner.de
facebook.com/anne.schreibt
9. Klasse, 10. Klasse, 11. Klasse, 12. Klasse

Biografisches

1980 in Greiz geboren und erstmal da geblieben. Arbeitet und lebt in Erfurt und Berlin - bei stau auch mal dazwischen. Nach Abitur aus Gründen erstes Studium („was mit Büro“), später aus guten Gründen Fachjournalismusstudium an der FJS Berlin. Erste prämierte Kurzgeschichte 2008. Preisträgerin Eobanus-Hessus-Schreibwettbewerb (2013) sowie Erst- und Zweitplatzierung bei FBK-Projekt „Thüringer Autoren stellen sich Schülerjury“, 2013. Mag Alphabeten, Buchstabenhochsprung und den Duft von Frischgedrucktem. Und Eis

Bibliographie

"Nicht, worauf es ankommt", Kurzgeschichte im "hEFt für literatur, stadt & alltag", Herausgeber: Kulturrausch e.V. Erfurt, Ausgabe 35, 2014

"Teeniemütter", Kurzgeschichte, Temp Magazin, Gudberg Verlag 2012

"Der Rest ist das, was übrig bleibt", Kurzgeschichten, 2011

"Nahtlos", Kurzgeschichte im Temp Magazin (Gudberg Verlag), 2011

"Spielverderber", Kurzgeschichte im "hEFt für literatur, stadt & alltag", Herausgeber: Kulturrausch e.V. Erfurt, 2011

"Audioretrospektive – die Welt mit Deinen Ohren sehen", Kurzgeschichte im Ausstellungskatalog "All-Inclusive. Die Welt des Tourismus" der Schirn Kunsthalle Frankfurt, Snoeck Verlagsgesellschaft mbH, Köln 2008.

Themenangebot

Erlaubt ist, was gefällt! Steht für Schullesungen (Kurzgeschichten - Alltag, wie er sein kann und manchmal - leider - auch ist) und darüber hinausgehende Fragen und Gespräche zur Verfügung. Zielgruppe: ab 9.Klasse.

Leseprobe

© Anne Büttner

Ein anderes Wort für komisch

Ausgerechnet auf unserem letzten Foto lachen wir nicht. Du nicht, ich nicht und auch nicht Marie. Keine zusammengekniffenen, spaßbefeuchteten Augen oder vom Gelächter gekrümmten Oberkörper. Keine luftgefüllten Wangen, nur ein Wort, nur einen Blick vom Losprusten entfernt. Keine freigelachten Zahnreihen bei uns und auch kein freigelachtes Zahnfleisch bei Marie. Keine herausgestreckten Zungen oder hochgezogenen Oberlippen, keine verdrehten Pupillen hinter viel zu hässlichen Brillen, keine schiefgelegten Köpfe unter viel zu edlen Hüten - nichts davon. Keine Ähnlichkeit mit uns; mit den Fotos an unserem hundert Jahre alten Kühlschrank oder der speckigen Pinnwand im Flur - ebenso wenig wie mit denen am Badspiegel, an der Wohnungstür oder im colaklebrigen, tabakkrümeligen Handschuhfach deines alten Corsa. Nicht gelacht haben wir vorher nur auf einem Bild. Das allerdings gibt es zweimal: einmal in deinem Portemonnaie, einmal in meinem. Da, wo besondere Bilder eben aufbewahrt werden. Besonders schöne oder besonders seltene. Weil für unsere besonders schönen alle Portemonnaies der Welt nicht gereicht hätten, haben wir uns für das besonders seltene entschieden. Das, auf dem Du nach mir trittst, weil ich kurz zuvor deinen Superkipper kaputtgemacht habe. Zwei unendlich lange Tage stand unsere Freundschaft damals auf der Superkippe. Muss noch vor unserer Einschulung gewesen sein. Sonst wäre Marie mit drauf und hätte in ihrem Portemonnaie auch ein besonders seltenes Foto gehabt.

Und auch vom zweiten Bild auf dem keiner lacht, wird sie, obwohl sie dieses Mal mit drauf ist, keinen Abzug bekommen. Ebenso wenig wie Du. Nur ich als Fahrzeughalter habe einen.

Drei krisselige, nicht lachende, schwarzweiße Noch-Insassen meines noch sechsscheibigen Dreitürers. Du und ich vorne, Marie mittig auf der Rückbank - den Oberkörper vorgebeugt, den Kopf auf gleicher Höhe mit unseren. Mit der Fellkapuze, die ihr Gesicht wattiert und ihren zottelbeschuhten Füßen, die sie auf der Mittelkonsole abgestellt hat, sieht sie aus wie ein Yeti. Genau zwischen uns. Alles wieder wie immer. Und trotzdem: Trotzdem das zwischen Marie und mir - deiner, meiner und Maries Freundschaft wegen - geklärt war, siehst Du angestrengt aus. Konzentriert. So, als strengtest Du Dich an, konzentriert auszusehen. Ich hingegen sehe gar nicht aus; nur aus dem Fenster. Trinke ein Bier Richtung Pfand. Schnipse ein zigarettenes Glühwürmchen in die Nachtluft. Um 02:31 Uhr vor fast genau fünf Monaten.

Den Namen der Oberschwester kenne ich immer noch nicht. Vermutlich heißt sie, wie Oberschwestern eben heißen: Hannelore, Irmtraud. Oder vielleicht Hildegard. Ja, wahrscheinlich heißt sie Hildegard. Hildegard also hat gesagt, dass Deine Eltern noch gar nicht lang weg sind heute. Zehn Minuten früher, sagt sie, und ich wäre ihnen noch begegnet. Glück gehabt. Ich will deine Eltern nicht sehen und ihnen begegnen noch viel weniger. Ich könnte es ebenso wenig ertragen wie sie. Am Anfang, als der Schock noch rechtfertigte und schützte, haben sie mich mal besucht. Kam mir vor wie eine Ewigkeit, dabei war es nicht mal eine halbe Stunde.

Eine nicht-mal-halbe Stunde in der nicht gesprochen wurde - nur gestarrt (dein Vater), geschluchzt (deine Mutter), geweint (deine Mutter und ich), geschrien (deine Mutter, dein Vater und ich), gedrückt (dein Vater deine Mutter und deine Mutter mich), geschlafen (ich), gegangen (deine Eltern).

Seither bin ich ihnen nur noch zweimal über den Weg und dann ganz schnell aus ihrem Blickfeld gerollt.

So richtig laufen kann ich zwar immer noch nicht wieder, aber inzwischen ist wenigstens erkennbar, dass ich es vorhabe.

Außer für Dich natürlich. Noch nicht. Die Prognosen sind besser als Du aussiehst. Woher ich das weiß? Hildegard hat es mir verraten. Bleibt ja hoffentlich unter uns. Eigentlich darf sie mit mir gar nicht darüber sprechen. Schließlich bin ich kein Angehöriger. Dass ich Betroffener bin, zählt da nicht. Auch nicht, dass ich dich besser kenne als deine Eltern oder sonst noch wer.

Ich hätte gewusst, welche der CDs du am liebsten magst und nicht deine komplette Sammlung mitgebracht. Inklusive der schmierigen Schnulzenscheibe hier, die dir inzwischen bestimmt auch peinlich ist. War sie mir von Anfang an, deswegen hab ich Dir nie gesagt, dass ich die auch hab. Warum ich dir das ausgerechnet jetzt verrate? Weil ich kein Geheimnis mehr vor dir haben will - auch kein noch so unbedeutendes. Trotzdem hoffe ich natürlich, dass es, wie alles andere, unter uns bleibt. Hier. Die. Die Hörspiele - Fünf Freunde, super! Was haben wir die gehört, damals! Julian, Dick und Ann, George und Ti-himmy der Huuuu-huu-hund...

Wie die Famous Five wollten Du, ich und Marie auch immer sein. Nur, dass wir eben zu dritt waren und auch bleiben wollten. Muss ich Dir ja nicht erzählen. Sowieso komisch, so mit Dir zu sprechen. Nein. Komisch ist es nicht, komisch ist das falsche Wort. Aber solang das richtige mich noch nicht gefunden hat, ist es eben nur anders als komisch.

"Passiv Positiv", "Lebenswertes Nebelleben", "Weiter unter dem Bewusstsein" ... - haben sicher in sämtlichen Studien super abgeschnitten die Aufnahmen, was? Aber ernsthaft: bringt das ganze Forschungszeug irgendwas? Ich meine, hilft es? Merkst Du irgendwas? Hast Du irgendetwas mitbekommen in den knapp fünf Monaten, die inzwischen vergangen sind? Oder auch nur in den letzten Tagen? Ganz einfaches Zeug nur? Zum Beispiel wo der Trockenstrauß hin ist, der hier auf dem Rollschränkchen stand? Irgendwas musste ich doch mitbringen. Das macht man so.

Krankenhausgesetz. Ich hab kurz überlegt, was mein Irgendwas sein könnte. An Infusionen komm ich nicht ran und Saft oder Schokolade machen keinen Sinn. Ein Buch ebenso wenig. Lesen mochtest Du nicht und vorlesen mag ich nicht. Der Radiorekorder ist schon da und andere CDs als Du hab ich ja auch nicht.

Deswegen also der Trockenstrauß, der jetzt weg ist. Marie war es ganz sicher nicht und dass eine der Schwestern den einfach entsorgt hat, kann sich Hildegard nicht vorstellen. Also nehme ich mal an, dass es deine Mutter war. Oder dein Vater auf Bitten deiner Mutter. Sie käme bestimmt nie auf die Idee, dir einen Trockenstrauß hinzustellen. Dafür fehlt ihr die Hoffnungslosigkeit. Nein. Lieber sieht sie zu, wie Du neben wöchentlich frischen Sträußen welkst. Keine Ahnung - Blumen halt. Mit einer genaueren floristischen Bezeichnung könntest Du sowieso nichts anfangen. War dir doch früher auch egal, wie die Blumen heißen, die wir manchmal schnell noch aus dem stinkewässrigen Eimer an der Tankstelle mitnahmen oder die, die uns im Blumenladen mit einem "Schaunse mal, recht so?" überreicht wurden, wenn wir dort höchstens in Wert und Verpackung nie aber im Text variierende Sträuße beauftragten. So ganz anders als deine Mutter Woche für Woche Blumen für dich aussuchen wird. Ganz sicher wird sie nicht irgendetwas Buntes, Freundliches für ihren komatösen sechsundzwanzigjährigen Sohn in "Papier reicht, danke" bestellen. Statt gleichgültig entgegenzunehmen wird sie ganz gezielt wählen. Ganz selbst, ganz bewusst entscheiden, welche der Blumen, aus denen du dir nichts machst, die schönsten für dich sind. Mein Trockenstrauß zählte offensichtlich nicht dazu. Deshalb ist er jetzt weg, haben sie ihn entfernt. In Deiner Anwesenheit. Vor Deinen Augen. Als Sohn, nein da natürlich nicht - aber als verlässlichen Zeugen scheinen deine Eltern dich schon abgeschrieben zu haben. Anders die Polizei, die sich regelmäßig nach dir erkundigt - wenn auch in größer werdenden Abständen. Sie wollen dir Fragen stellen. Die, die weder Marie noch ich beantworten konnten. Ausgerechnet Du sollst das können. Aber andere Zeugen gab es damals nicht. Nur Dich, Marie und mich. Und das Foto kurz vorher. Bis auf ein Schlingern mehr und einen Baum kurz später, konnte auch ich mich nicht erinnern. Konnte nicht mal mehr sagen, warum Du gefahren bist, obwohl Du mehr getrunken hattest als Marie und ich. Wenn auch nur ein wenig, wie die Tests ergaben.

Nicht mal mehr die hast Du mitbekommen. Warst gleich weg, anders als Marie und ich. Hast Dich verzogen, die Augen zugemacht: Verschlossen vor allem, was war und nicht mehr sein wird.

Eine Geste nur, ich weiß. Eine leichte Berührung nur, dich spüren zu lassen, dass alles gut ist oder irgendwann wird. Meine Hand auf deiner Hand, an Deiner Wange, auf Deiner Stirn – egal ... Mein Kopf an deiner Schulter - einen Moment nur ... Ich weiß das. Und so sehr ich will, dass ich es kann, klappt es nicht. Kann ich es nicht. Kann es seit fast fünf Monaten nicht mehr und werde es deswegen nie wieder können. Selbst die kleinste Geste zu groß für mich. Zu groß für dich. Ein Kopfnicken nur, ein Lächeln im passenden Moment: nichts davon wird es mehr geben. Nicht von mir für dich.

Ja, auch ich hoffe. Anders als Deine Eltern zwar, aber auch ich hoffe, dass du nicht mehr beatmet werden musst; dass all die Kanülen, Kabel und Schläuche von dir entfernt werden. Denn nur so kann ich irgendwann auch um dich trauern. Genau so, wie ich es seit vier Monaten um Marie muss. Lieber trauere ich mein Leben lang um dich, als dich dein Leben lang zu hassen.