Matthias Biskupek
Matthias Biskupek

07407 Rudolstadt

(03672) 422905
(03672) 422905
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http://www.matthias-biskupek.de
3. Klasse, 4.Klasse, 9. Klasse, 10. Klasse, 11. Klasse, 12. Klasse

Biografisches

Geboren 1950 in Chemnitz. Wuchs in einer sächsischen Kleinstadt auf und lebt jetzt in Rudolstadt, Thüringen, und Berlin. Er arbeitete als Maschinenbauer, Ingenieur und Regieassistent, war Texter in einem Kabarett und Mitarbeiter verschiedener Zeitschriften. Seit 1984 ist er freier Schriftsteller. Er reiste längere Zeit nach Estland, aber auch nach Japan, England, in die Schweiz und die USA.Vorsitzender des Fördervereins Theater Rudolstadt, vier Jahre Sprecher des Thüringer Literaturrats. Mitglied des PEN-Zentrum Deutschland, seit Mai 2011 bis April 2017 dort auch Schatzmeister.

Auszeichnungen

Kreisschreiber in Neunkirchen/Saar, 1993

Aufenthaltsstipendium Schloss Wiepersdorf/Mark, 1997

Casa-Baldi-Stipendium der Deutschen Akademie Rom in Olevano Romano, 2000

Walter-Bauer-Preis der Städte Merseburg und Leuna, 2016

Bibliographie

In über dreißig Büchern sind Biskupeks Geschichten gesammelt. Er schrieb auch Romane, Reportagen, Hörspiele für Kinder, Features und eine Biografie über den bayerischen Humoristen Karl Valentin. Zudem gibt es von ihm die CD „Die Worttrompetengitarre oder Das hymnische Deutschland“ mit den Jazzern Joe Sachse und Uli Weber.

 

Zuletzt erschienen:

 

"Trabi, Broiler, Pioniere - eine Reise durch die DDR", farbiger Wochenkalender, Harenberg 2009-2018f.

"Thüringer Stimmen", Porträts und Texte von 25 Autoren mit Fotografien von Harald Wenzel-Orf. Mit dem Beitrag "Land der herbstlichen Sanftheit". Herausgegeben von Jens-Fietje Dwars. Qartus-Verlag, Bucha bei Jena, 2016.

"Dichters Fluch- Dreiunddreißig Gedichte, Sprüche und Lieder aus vier Jahrzehnten", Bucha bei Jena, 2015.

"Der Rentnerlehrling - Meine 66 Lebensgeschichte, Halle 2015.

"Gefräßiger Wald", Anthologie "Bis bald im Wald", KLAK Verlag Berlin 2015.

"Rose Schwartz und die Folgen", Texte aus der Buchdruckzeit, Berlin 2012.

"Drei Bilder und viele Eier", "Geschichte für Wenka", (illustriert von Ulrike Hirsch), Anthologie "Paula in der Aula", Hrsg. FBK für Thüringen e.V., dorise-Verlag 2010.

"Das Halsband der Königin" - Porzellangeschichten mit Kati Zorn, edition burgart Rudolstadt, 2010.

"Das Glück des richtigen Geldes und weitere Schlaglichter aus zwei Jahrzehnten seit der Wende", Text-Bild-Band, Sutton Verlag, Erfurt 2009.

"Eine moralische Anstalt", Roman mit richtigen Requisiten, letzten Vörhängen und Theaterblut, Eulenspiegel Verlag, Berlin, 2007.

"Lob des Kalauers und andere Für- und Widerreden", Essays aus zehn Jahren, Quartus Verlag, Bucha bei Jena, 2007.

"Streifzüge durch den Thüringer Kräutergarten", Faber & Faber, Leipzig, 2007.

"Das kleine DDR-Lexikon", Piper, München, 2006.

„Horrido, Genossen!“, Geschichten, Berlin, 2004.

"Was heißt eigentlich 'DDR'? Böhmische Dörfer in Deutsch & Geschichte", Eulenspiegel, Das Neue Berlin, 2003.

"Wetterbericht", Humoresken mit 22 Illustrationen von Peter Gaymann, Gustav Kiepenheuer Verlag Leipzig, 2002.

"Die geborene Heimat", Spöttische Lobreden, hrsg. von Wulf Kirsten, Hain Verlag Rudolstadt & Jena,1999.

"Der Quotensachse", Roman, Gustav Kiepenheuer Verlag Leipzig, 1996.

Themenangebot

Bei Schullesungen für 3. und 4. Klassen stellt Matthias Biskupek Geschichten zum Weiterspinnen vor und erzählt vom „Großen Wörter-Tohuwabohu“.

Für Schüler ab 15 Jahren liest er aus seinen satirischen Büchern.

Er hat z. B. eine Europasprache erfunden, erklärt, wie man „MAMA IM Fernsehen“ schreibt oder bringt den schwarzhumorigen „Fidschis Nachtgesang“.

Er erzählt auch von seinen Reisen und hält auf Wunsch einen nicht ganz unwissen- schaftlichen Vortrag über Klippen der Zensur einst und jetzt.

Dauer: 45 bis maximal 120 Minuten.

Seit 2009 veröffentlicht Matthias Biskupek im Harenberg-Verlag alljährlich einen farbigen Wochenkalender "Trabi, Broiler, Pionier - eine Reise durch die DDR". Zuletzt erschien der für 2018. Anhand der Bilder und kurzen Texte kann er Heiteres & Kritisches über dieses "verschwundene Land" erzählen.

Leseprobe

Aus Anthologie „Paula in der Aula“

Geschichte für Wenka

Wenka war sechs Jahre alt und ging schon in die Schule. Ihre Mutter war etwas älter und ging auf Arbeit. Auf Arbeit lernt man viele Leute kennen, und so lernte Wenkas Mutter einen Schriftsteller kennen.

            Ein Schriftsteller? fragte Wenka, was macht der?

            Der schreibt Geschichten.

            Das ist ja prima, jubelte Wenka, dann kann der eine Geschichte für mich schreiben.

            Wenkas Mutter lachte und erzählte dem Schriftsteller, als sie ihn wieder traf, was Wenka für eine Idee gehabt hatte: Er könne doch eine Geschichte für Wenka aufschreiben.

            Der Schriftsteller kratzte sich am Kopf. Dort hatte er graue Haare. Nachdenklich ging er nach Hause.

            Hm, sagte er zu seinem Computer, der auf ihn wartete. Er wartete und blinkte, kaum dass sich der Schriftsteller vor ihn gesetzt hatte.

            Hm, sagte der Schriftsteller noch einmal. Manchmal sagte er dreimal Hm zu seinem Computer.

            Du sollst nicht immer Hm, hm, hm zu mir sagen, sprach der Computer, schreib lieber die Geschichte für Wenka.

Eh, sagte der Schriftsteller, wieso kannst Du eigentlich reden? Du bist doch bloß ein graues, glotzäugiges Ding? Und nun kannst Du auf einmal reden? Und weißt sogar, dass ich überlege, welche Geschichte ich für diese Wenka schreiben könnte. Die ich gar nicht kenne. Ich weiß bloß, dass sie sechs Jahre alt ist und eine sehr nette Mutter hat.

Da weißt Du doch schon eine ganze Menge, meinte der Computer: Fang an.

Der Schriftsteller seufzte, raufte sich die grauen Haare und fing an:

Es war einmal ein ziemlich schöner Tag. Die Schwäne schwammen auf dem Teich herum und schlugen mit den Flügeln. Die Mütter schoben plappernd ihre winzigen Kinder in bunten Kinderwagen durch den Park. Die Kinder konnten noch längst nicht wie Wenka in die Schule gehen, sondern zuzzelten an Nuckeln. Die Bäume wuchsen in einen blauen Himmel und von der Straße tönte eine seltsam-wunderbare Musik.

Die Musik kam aus einer Maschine. An der Maschine war eine Kurbel, und die Kurbel drehte ein bunter, langer Mensch. Wenn er schneller drehte, wurde die Musik schneller – und wenn ihm eine Mutter ein Geldstück in seinen Teller warf, zog er höflich seinen wunderbunten Hut. Er drehte dabei etwas langsamer an der Kurbel – und die Musik wurde sogleich langsamer. Sie hörte sich dann jaulend an.

Ein kleiner, struppiger Hund lief herzu und jaulte mit. Der bunte lange Mensch drehte schneller an der Kurbel, die Musik orgelte wieder höher – und der struppige Hund bellte in seinen höchsten Tönen. Noch höher als die Musikorgelmaschine.

Ein Polizist kam angeschritten. Er hörte den bellenden Hund, die orgelnde Musikmaschine, zog eine Trillerpfeife aus der Tasche und pfiff. Der Ton war noch höher, als Musikinstrument und Hund zusammen. Es war ein schriller Ton.

In einem der Bäume, die bis in den Himmel wuchsen, saß ein Vogel. Ein Vogel der Gattung Jehöherdestobesser. Er machte seinem Namen alle Ehre: Jehöherdestobesser und tirilierte einfach los. Gar süß und sonderbar und schmelzend. Aber so hoch und wundersam war sein tirilierender Ton, dass Musikinstrument, Hund und Polizistentrillerpfeife ganz neidisch wurden und verstummten. Die Schwäne schlugen nicht mehr mit den Flügeln, die winzigen Kinder hörten auf, an Nuckeln zu zuzzeln und die Mütter hatten keine Worte.

Alles schaute nach oben:  Die Mütter, die Kinder, denen die Nuckel aus den Mündern gefallen waren, die Schwäne vom Teich, der Musikmaschinenmann, der Hund und der Polizist. Alle drehten die Köpfe und schauten in die Krone des Baumes. Aber sie sahen nichts. Denn Vögel der Gattung Jehöherdestobesser sind von unten nicht zu sehen. Man kann sie nur hören, wenn man die Ohren spitzt. Darum ...

Der Computer schrieb drei Punkte und wartete.

Jetzt fällt mir nichts mehr ein, sagte der Schriftsteller.

Hm, hm, hm. brummte der Computer. Eigentlich hören Deine Geschichten immer auf: Und so lebten sie glücklich und zufrieden. Was sollen wir denn jetzt machen? Es muss doch noch was passieren

Vielleicht kann Wenka den Vogel malen? meinte der Schriftsteller. Dann wissen wir, wie er aussieht und wir können die Geschichte weiter erzählen?  Ich schenke Wenka schon mal ein buntbemaltes W.

Wohlgemut  wartete der Schriftsteller und ließ sich graue Haare wachsen...

 

 

 

Aus „Der Rentnerlehrling“

Das Wurschtpaket

Es gab dumme Leute im Dorf. Das Dorf begann dort, wo der Wald endete und hörte dort auf, wo das Flüsschen zur Talsperre hin strebte, auf dass es breit und breiter wurde. Es gab kaum junge Männer auf den Höfen, bei Seidel waren beide Söhne gefallen beim Ahnerthorst der Älteste, zwei Männer waren sogar noch in Gefangenschaft.

 Die Kneipe florierte dennoch, die Alten, die noch immer den Hof nicht abgeben konnten und sich aufs Ausgedinge zurückziehen, hatten Durscht wie Zicke. Der Krieg war fünf Jahre vorbei. Mit uns zieht, die neue Zeit sang der Chor im Saal der Kneipe einmal die Woche. Und wenn sie „Hoch auf dem gelben Wagen“ sangen, korrigierte der Chorleiter, der alte Fiedler, den ausgeprägten Dialekt seiner „Sangesfreuntinnen und Sängerkolläschn“. Ihr singt immer „Woochen“. Das heeßt doch ni „Woochen“, das heeßt „Wooocheenn“. Und so sangen alle gemeinsam vom hochen Wooocheenn und freuten sich, dass kein Krieg mehr war.

Die neue Zeit hatte auch einen neuen Lehrer gebracht. Der hatte ni studiert, ä was, aber er war Offizier im Krieg gewesen und konnte Gitarre spielen und hatte unheimlich viel gelesen. Seine Frau strickte für die Bauersfrauen, sang im Chor mit und der Lehrersohn war änn kleener Borschbich, der ziemlich laut schreien konnte. Jetzt war die Frau wieder schwanger und es langte bei den Lehrersch wahrscheinlich hinten und vorne nich.

            Es gab auch dumme Kinder im Dorf. Der Lehrer plagte sich mit denen, schilderte seinen Achtklässlern begeistert, wie Egon Erwin Kisch die Reportage meistert, dass ihm unversehens Reime in die Rede kamen. Mir brauch keen Kisch, sagten die Eltern, schicke den Lehrer doch mal zu uns.

            Der Lehrer machte Hausbesuch, wie es der Brauch war. Denn die allseitige Erziehung zu sozialistischen Persönlichkeiten, bei denen Elternhaus, Schule und Pionierorganisation wie die drei Ecken des Pioniertuchs sein sollten und durch den Knoten fest verbunden, sollte auch Brauch werden.

            Es gab echten Bohnenkaffee beim Besuch und Streußelkuchen mit guter Butter. Ja, sagte der Lehrer, ich muss dem Reiner eine Fünf in Deutsch geben. Damit bekommt er keinen Abschluss.

            Soll der noch ä Jahr in die Schule gehen? Der soll Lehre machn und dann den Hof, soll der. Noch ä Jahr, i woh, das machmer nich mit.

            Man legte dem Lehrer ein dickes Wurschtpaket neben die Bohnenkaffeetasse. Der Lehrer hatte auf der Offiziersschule in Rerik an der Ostsee gelernt, dass Unbestechlichkeit eine deutsche Tugend ist. Er ließ das Wurschtpaket liegen, Reiner bekam eine Fünf in Deutsch, musste die achte Klasse wiederholen, weil das neue Schulgesetz antifaschistisch war und überall eine neue Zeit sich durchsetzte.

            Das Gehalt des Lehrers langte hinten und vorne nicht.

Es gab auch dumme Kinder im Dorf. Der Lehrer plagte sich mit denen, schilderte seinen Achtklässlern begeistert, wie Egon Erwin Kisch die Reportage meistert, dass ihm unversehens Reime in die Rede kamen. Mir brauch keen Kisch, sagten die Eltern, schicke den Lehrer doch mal zu uns.

            Der Lehrer machte Hausbesuch, wie es der Brauch war. Denn die allseitige Erziehung zu sozialistischen Persönlichkeiten, bei denen Elternhaus, Schule und Pionierorganisation wie die drei Ecken des Pioniertuchs sein sollten und durch den Knoten fest verbunden, sollte auch Brauch werden.

            Es gab echten Bohnenkaffee beim Besuch und Streußelkuchen mit guter Butter. Ja, sagte der Lehrer, ich muss dem Reiner eine Fünf in Deutsch geben. Damit bekommt er keinen Abschluss.

            Soll der noch ä Jahr in die Schule gehen? Der soll Lehre machn und dann den Hof, soll der. Noch ä Jahr, i woh, das machmer nich mit.

            Man legte dem Lehrer ein dickes Wurschtpaket neben die Bohnenkaffeetasse. Der Lehrer hatte auf der Offiziersschule in Rerik an der Ostsee gelernt, dass Unbestechlichkeit eine deutsche Tugend ist. Er ließ das Wurschtpaket liegen, Reiner bekam eine Fünf in Deutsch, musste die achte Klasse wiederholen, weil das neue Schulgesetz antifaschistisch war und überall eine neue Zeit sich durchsetzte.

            Das Gehalt des Lehrers langte hinten und vorne nicht. Er und seine Frau schoben Kohldampf, wie man damals sagte. Es gab dumme Leute im Dorf.