Antje Babendererde
Antje Babendererde

07368 Remptendorf

(036640) 27746
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antje-babendererde.de
7. Klasse, 8. Klasse, 9. Klasse, 10. Klasse, 11. Klasse, 12. Klasse

Biografisches

Antje Babendererde, geboren 1963, wuchs in Thüringen auf und arbeitete nach dem Abitur als Hortnerin, Arbeitstherapeutin und Töpferin, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete.

Viele Jahre lang galt ihr besonderes Interesse der Kultur, Geschichte und heutigen Situation der Indianer. Ihre einfühlsamen Jugendromane zu diesem Thema basieren auf Begegnungen und Erlebnissen während ihrer USA-Reisen. Mit dem Roman „Isegrim“ kehrt die Autorin erstmals zu ihren Thüringer Wurzeln zurück.

Seit 1996 freiberufliche Autorin. Mitglied im Schriftstellerverband (VS).

Auszeichnungen

Stipendium der Stiftung Kulturfonds und Arbeitsstipendium des Thüringer Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst „Eselsohr 2003”

Jugendliteraturpreis der Stadt Nettetal

Bad Harzburger Jugendliteraturpreis “Eselsohr” für “Lakota Moon”

„Erwin-Strittmatter-Sonderpreis“ für “Libellensommer”

„DeLia 2007“

bester deutschsprachiger Liebesroman für das Jugendbuch “Libellensommer”

Auslandsstipendium der Thüringer Kulturstiftung

Nominierung “Buxtehuder Bulle” für “Indigosommer”

„Segeberger Feder“ für „Isegrim“

 

 

 

Bibliographie

"Der Kuss des Raben", Arena-Verlag 2016.

"Wolfsspur", Anthologie "Bis bald im Wald", KLAK Verlag Berlin 2015.

"Isegrim", Jugendroman, Arena-Verlag, 2013.

"Julischatten", Jugendroman, Arena-Verlag, 2012.

"Rain Song”, All Age, Arena-Verlag, 2010.

"Indigosommer”, Jugendroman, Arena-Verlag, 2009.

"Starlight Blues - In der Kälte der Nacht", Roman, Merlin-Verlag, 2009.

"Die verborgene Seite des Mondes", Jugendroman, Arena -Verlag, 2007.

"Zweiherz", Jugendroman, Cbj-Bertelsmann München, 2007.

"Libellensommer", Jugendroman, Arena-Verlag Würzburg, 2006.

"Talitha Running Horse", Jugendroman, Arena-Verlag, 2005.

"Lakota Moon", Jugendroman, Arena Verlag Würzburg, 2005.

"Der Gesang der Orcas", Jugendroman, Arena Verlag Würzburg, 2003.

 

Hörbücher im JUMBO-Verlag Hamburg

"Isegrim" 2013

"Julischatten" 2012

"Indigosommer" 2010

"Rain Song" 2010

"Die verborgene Seite des Mondes" 2008

"Lakota Moon", 2007

"Libellensommer", 2007

"Der Gesang der Orkas", 2005

 

Themenangebot

Bei Lesungen für die Altersgruppe ab 13 Jahren geht es um die Stolpersteine der Pubertät und um die erste Liebe. Um indianische Kulturen und die Fragen: Ein Zuhause, was ist das eigentlich? Wie schwer ist es, mutig zu sein? Und lohnt sich das überhaupt? Wie ist das mit den Traditionen?

In „Isegrim“ geht es unter anderem um die Rückkehr der Wölfe nach Deutschland und um die Frage, wie viel Wildnis wir bereit sind, in unseren Wäldern zuzulassen.

Leseprobe

Leseprobe für Isegrim

Impressum: Antje Babendererde, 2013. Publiziert über www.antje-babendererde.de. Alle Rechte bei Antje Babendererde.

 

 

 Schuld

Sie gab einen überraschten Laut von sich, als das Eisen ihr Herz durchbohrte. Seines hörte für Sekunden auf zu schlagen. Sein Blick glitt über ihre dünnen Beine, das hochgerutschte hellblaue Kleid. Er fiel neben ihr auf die Knie. Der rote Fleck auf ihrer Brust entfaltete sich wie eine dunkelrote Rose, die in den Himmel blutet. Er hatte nicht gewusst, dass Blut so lebendig sein kann und dass es diesen metallischen Geruch hat.

Herzblut, schoss es ihm durch den Kopf. Nun war er ein Verdammter.

Schmerzende Übelkeit stieg in ihm hoch. Seine zitternde Hand näherte sich dem Stiel der Rose, diesem dornenlosen feuchtglänzenden Stiel, aber da flatterten plötzlich ihre Lider und er erstarrte vor Schreck. Wie Sonnenstrahlen war ihr langes blondes Haar um ihren Kopf gebreitet. Ihre Augen waren blau, wie die ihrer Mutter, so hell wie ihr Kleid mit der dunkelroten Rose. Ihre feuchten Lippen formten ein Wort. Kein Laut, nur Atem. Ihr letzter Atemzug, sein Name.

 

1. Kapitel

Ich verschlucke einen ungläubigen Laut, als ich die winzigen Mäusekadaver im Gezweig erblicke, vier an der Zahl, blutig gepfählt auf den langen Dornen des Schlehenstrauches.

Er ist nicht in der Nähe, der Würger mit seiner schwarzen Augenbinde, sonst hätte er mich längst entdeckt. Behutsam schiebe ich einen Zweig zur Seite und da ist es, das unförmig geratene Nest. Sieben grünliche Eier mit purpurnen Flecken liegen in ihrer flauschigen Mulde aus Wollgras, Daunenfedern und Tierhaar.

Tierhaar? Ich schaue genauer hin. Nein, dafür ist es zu fein, zu lang. Eine gelockte Strähne hat sich vom dornenbewehrten Panzer des Nestes gelöst und die hellen Haare bewegen sich sacht im warmen Maiwind. Menschenhaar, durchzuckt es mich.Schaudernd lasse ich den Ast los, der mit einem Rascheln zurückschnippt.

Plötzlich ein raues Kreischen dicht über mir. Das weiße Nackengefieder des amselgroßen Vogels ist gesträubt, der Kopf nach vorn gestreckt und sein langer Schwanz aufgefächert wie bei einem Pfau. Vor Schreck mache ich eine unbedachte Bewegung, meine Füße verlieren den Halt auf dem umgestürzten Birkenstamm und ich rausche durch die Zweige der Schlehe. Dornenspitzen ritzen meine Haut wie scharfe Nadeln, verhaken sich in meinem T-Shirt und zerren an meinem Haar. Mit einem heiseren Schrei lande ich auf dem Hosenboden im Gras.

Der weiß-schwarze Vogel mit dem dunklen Hakenschnabel scheppert und kreischt. So wütend kann Angst klingen. Für den Würger bin ich ein Feind, der Vogel verteidigt seine Brut und seine makabere Vorratskammer.

Ich will ihn nicht stören. Schnell rappele ich mich auf und schultere meinen kleinen braunen Rucksack. Mit hastigen Schritten laufe ich quer über die buckelige Wiese zum Waldrand und tauche in den blauen Schatten der Kiefern. Mein Herz rast, doch der Aufruhr kommt nicht allein vom Schreck, den der Vogel mir mit seinem Gezeter eingejagt hat.

Ich kenne jede Ecke, jeden Winkel dieses Waldes, jeden Baum, jeden Stein und jede Kuhle, und ich bin ganz bestimmt kein Angsthase – doch gegen die grauenvolle Erinnerung, die das gelockte Haar am Nest des Vogels in mir heraufbeschwört, bin ich machtlos. Sie fährt mir unter die Haut wie ein scharfer Splitter.

Unvermittelt ist alles wieder da, frisch, schmerzhaft und beklemmend. Vor fünf Jahren verschwand aus unserem Dorf ein elfjähriges Mädchen. Alina, ein blondgelockter Engel - meine beste Freundin.

Es war Mitte September, erst zwei Wochen zuvor hatte die Schule wieder begonnen. Alina verschwand an einem späten Nachmittag aus dem verwilderten Garten, der zwischen den Grundstücken unserer Familien liegt. Wir waren dort zu unserem geheimen Spiel verabredet, doch Ma hatte beim Kontrollieren meiner Hausaufgaben festgestellt, dass ich sie in Eile und schludrig erledigt hatte. Ich musste alles noch einmal schreiben. Als ich endlich fertig war, und zu Alina in den wilden Garten laufen konnte, war sie nicht mehr da.

Nachdem klar wurde, dass Alina tatsächlich verschwunden war, musste ich verraten, was sie an diesem Nachmittag anhatte: ein hellblaues Tinkerbell Kostüm mit Drahtflügeln.

Zuerst glaubten alle, Alina wäre in den Wald hinter den Gärten gelaufen und hätte sich verirrt. Ihre Eltern, die Polizei und das halbe Dorf suchten fieberhaft nach ihr. Der Wald, die Felder und der angrenzende Truppenübungsplatz wurden von Polizisten und Soldaten in alle Richtungen durchkämmt, Suchhunde wurden eingesetzt. Doch die unzähligen natürlichen Höhlen und versteckten Spalten im Muschelkalk, sowie die Überreste der alten Bunkeranlagen und der Wehrmachtsstollen im Berg, erschwerten die Suche nach Alina. Unser Badesee, die alte Kiesgrube zwischen Altenwinkel und unserem Nachbardorf Eulenbach, wurde von Tauchern abgesucht – doch alles blieb ohne Erfolg. Nirgendwo gab es eine Spur von Alina, als wäre sie vom Erdboden verschluckt.

Am Abend des dritten Tages nach ihrem Verschwinden, fand die Polizei Alinas hellblaues Tinkerbell-Kleid im aufgebockten alten Wohnwagen bei den Ponys von Martin Sievers. Der Mann wurde verhaftet und als Beamte sein Haus durchsuchten, fanden sie in einer Kammer auf dem Dachboden seines Hauses einen Stapel Pornomagazine. Sievers leugnete, Alina etwas angetan zu haben, doch am nächsten Morgen fand man ihn erhängt in seiner Zelle. Ein eindeutiges Schuldeingeständnis, das lag auf der Hand.

Ich war vollkommen durch den Wind damals. Um mit dem Grauen und dem Verlust klarzukommen, reimte ich mir meine eigene Geschichte zusammen. Man hatte zwar Alinas Kleid gefunden, doch die schillernden Feenflügel waren nicht dabei gewesen. Mit diesen Flügeln war sie Sievers entkommen, daran glaubte ich ganz fest.

Inzwischen weiß ich es besser. Wenn ich heute an meine Freundin denke, dann zweifle ich nicht mehr daran, dass sie tot ist. Die Möglichkeit, dass ihre Überreste in meinem Wald unter Laub verscharrt liegen, oder ihre angenagten Knochen vielleicht in einer der vielen Karsthöhlen modern, habe ich allerdings erfolgreich aus meinen Gedanken verbannt.

Ich stolpere über eine Wurzel und unterdrücke einen Fluch. Plötzlich spüre ich die dunkle Schwere eines Blickes in meinem Rücken. Die feinen Härchen auf meinen Armen richten sich auf. Kälte steigt mir das Rückgrat hinauf, während gleichzeitig Schweiß zwischen meinen Brüsten herab rinnt.

Wer sollte mich hier beobachten?

Ich fahre herum und mein Blick hetzt über das Dickicht von Birkengestrüpp, Beerensträuchern und Kiefernschösslingen. Meine Sinne sind angespannt, meine Atmung beschleunigt sich, das Herz schlägt schneller. Da .... ein leises Rascheln hinter dem Gesträuch. Bin ich nicht allein? Schwachsinn, sagt mein Verstand, doch mein Blick versucht fieberhaft das wuchernde Grün zu durchdringen. Ein Reh vermutlich. Was sonst? Ich spüre das Pochen meines Herzens im ganzen Körper.

Man kann auch vor Angst sterben.

„Hallo“, rufe ich. „Ist da wer?“

Meine Stimme klingt fremd und wacklig. Ich stehe und lausche, bis mir die Ohren dröhnen. Das Knacken brechender Zweige beendet die Stille und mein Mut schrumpft. Ich drehe mich um, gehe ein paar Schritte rückwärts, dann laufe ich los. Ich achte nicht auf die Äste, die mir ins Gesicht peitschen und nicht auf meinen Rucksack, der mir gegen den Rücken schlägt. Wie gehetztes Wild springe ich über Wurzeln und am Boden liegende Äste, schliddere einen Grashang hinunter und springe wieder auf die Füße. Ich kann schnell und lange rennen, ohne aus der Puste zu kommen, aber diesmal keuche ich wie eine alte Frau.

Das macht mich wütend. Ich bin die Herrin des Waldes, er ist mein Refugium - und ich habe mich von einem lächerlichen Knacken in die Flucht schlagen lassen, bloß wegen einer dämlichen Haarsträhne an einem kleinen Vogelnest.

Lass es nicht zu, Jola, warnt die Stimme in meinem Kopf. Du hast keine Angst. Du kennst keine Angst. Lass nicht zu, dass sie Besitz von dir ergreift, sonst endest du wie deine Mutter. Angst ist eine Falle, Angst macht dich zum Opfer. Sie kann dich auffressen, wie ein wildes Tier und nichts als bleiche Knochen übriglassen.

Doch meine Beine denken etwas völlig anderes.

Ohne mich umzudrehen oder auszuruhen, lasse ich zwanzig Minuten später die Schatten des Waldes hinter mir und erreiche den Holzstoß am Forstweg. Mein Fahrrad, das mich zurück ins Dorf bringen wird, lehnt an den sauber aufgestapelten und mit grünen Punkten markierten Stämmen. Das Adrenalin tobt noch durch meinen Körper, ich habe Seitenstechen - aber alles ist unter Kontrolle. Als ich nach dem Lenker greife, nehme ich im linken Augenwinkel eine schattenhafte Bewegung wahr.

Ein dumpfes Gurgeln kommt aus meiner Kehle, ich reiße die Arme in die Höhe, stolpere ein paar Schritte rückwärts und setze mich zum zweiten Mal an diesem Tag auf den Hosenboden. Ein zerzauster schwarzer Lockenkopf erscheint hinter dem Holzstoß und ich blicke in Kais Grinsegesicht.

„Hey, was ist denn mit dir los?“, fragt er mit gespielter Besorgnis. „Du siehst aus, als hättest du ein Eichhörnchen verschluckt.“

Meine Hände tasten über den Waldboden und werden schnell fündig. Ich bewerfe Kai mit Kiefernzapfen und Rinde, schimpfe wie ein Rohrspatz, habe endlich jemanden, an dem ich die Wut über meine Angst auslassen kann.

„Idiot“, stoße ich hervor, „du sollst dich nicht so anschleichen.“

Kai lacht. Sein warmes, vertrautes Kai-Lachen. Mit eingezogenem Kopf und filmreifer Abwehr-Pantomime kommt er auf mich zu und reicht mir seine Hand. Ich greife nach ihr und lasse mir aufhelfen.

Kai trägt ausgewaschene graue Cargo-Shorts und sein geliebtes schwarzes Party Hard T-Shirt mit dem Schriftzug, das er sich in Berlin auf unserer Klassenfahrt gekauft hat, und das er nur noch auszieht, wenn es vor Dreck starrt oder nach Schweiß riecht.

Kai Hartung und ich kennen uns, seit wir krabbeln können. Er ist mein bester Freund, und in den Winterferien, ist aus dieser Freundschaft mehr geworden.

„Hey, du blutest.“ Kai lässt mich los. Er legt Daumen und Zeigefinger unter mein Kinn und schiebt sanft meinen Kopf zur Seite.

Ich fasse an meine rechte Wange, spüre, wie es brennt. „Was machst du überhaupt hier?“ Meine Stimme klingt gereizter, als ich beabsichtige.

„Deine Mutter hat gesagt, dass du vielleicht hier bist.“

„Ja - und?“

„Ich habe Sehnsucht nach dir.“ Kai hebt in gespielter Verzweiflung die Hände. „Aber du gibst dich ja lieber mit Schrecken und Schleichen ab, als mit mir.“

Blödmann!, denke ich, und muss mir ein Lächeln verkneifen. Schrecken und Schleichen. Er meint Blindschleichen - und die seltenen Ödlandschrecken, die ich letzten Sommer oberhalb des Tals entdeckt habe.

ls entdeckt habe. „Ich habe das Nest eines Raubwürgers gefunden. Sieben grünliche Eier, sie sehen aus wie gemalt, wunderschön. Dabei habe ich mir in der Schlehenhecke das Gesicht zerkratzt.“ Ich reibe mit der flachen Hand über meine Wange und es brennt wie Feuer.

Kai betrachtet mich mit einer Mischung aus milder Nachsicht und Spott, aber sein Blick täuscht. Seit wir ein Paar sind, geht ihm mein Faible für den Wald und seine Bewohner zunehmend auf die Nerven. Kai findet Tiere nur mäßig aufregend, wie die meisten Jugendlichen, die auf dem Dorf aufgewachsen sind. Außerdem will er mich nicht teilen – nicht mal mit einer Blindschleiche.

Feedback

17. November 2017, Lesung "Der Kuss des Raben", Gemeindebibliothek Seebach
Im Vorfeld hatte ich nur wenige Eintrittskarten verkauft. Deswegen war die Überraschung groß, als am Abend so viele Personen erschienen. Überraschend war auch, dass die Zuhörer aus einem großen Umkreis kamen, nämlich von Eckartshausen bis Gotha. Die Veranstaltung hat den Zuhörern sehr gut gefallen. Es waren viele Leser dabei, die die Bücher von Frau Babendererde kannten.